Freitag, 23. Juni 2017

35. Erzählcafé im Körnerkiez

Donnerstag, 15. Juni 2017

Dr. Bernhard Bremberger, Kulturhistoriker

Seine Geschichte erscheint im Lauf des Juli 2017

Sonntag, 4. Juni 2017

34. Erzählcafé im Körnerkiez


Donnerstag, 1. Juni 2017

Klaus Feldmann – Gold, Silber und Bronze im Kraftsport

Klaus Feldmann trifft an diesem Donnerstag als erster in den Räumen des Neuköllner Leuchtturms ein. In einer großen Tasche transportiert er Bilder, Zeitungsausschnitte und ein Fotoalbum, die er auspackt und sogleich den allmählich eintrudelnden Besuchern  zeigt. Er verwickelt sie sofort in ein Gespräch, während ich noch mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt bin. Ich hatte mir den 80-jährigen, breitschultrigen Kraftsportler größer vorgestellt: Leute, die über 100 Kilogramm stemmen, müssten mindestens 1,80 Meter groß sein. Bei Klaus Feldmann werde ich eines Besseren belehrt: lange Beine sind eher hinderlich beim Kraftsport. Es kommt auf die Muskelkraft an, in den Beinen, den Armen und am Bauch. Später dürfen wir seine Armmuskeln testen. Klaus Feldmann brennt darauf seine Geschichte zu erzählen und zieht uns drei Stunden in seinen Bann. Zum Schluss dürfen wir „Du“ zu ihm sagen und er duzt uns. So, wie er es gewohnt ist.

Klaus Feldmann ist ein waschechter Neuköllner. Heute wohnt er in Rudow, aufgewachsen ist er in verschiedenen Gegenden Nord-Neuköllns. 1936 wird er geboren. Sein Vater ist Fernfahrer und nur selten zu Hause. Klaus lebt mit seiner Mutter und dem sechs Jahre älteren Bruder kurze Zeit in der Thomasstraße, dann in der Oderstraße, wo ihr Wohnhaus im Krieg von einer Luftmine zerstört wird. Glücklicherweise finden die Ausgebombten in der Warthestraße eine Eineinhalbzimmer-Wohnung im vierten Stock.  1944, als die Fliegerangriffe der Alliierten stärker werden, dürfen Familien mit Kindern sich nicht mehr in Berlin aufhalten. Klaus und seine Mutter werden im Rahmen der Kinderlandverschickung nach Uschneudorf bei Schneidemühl (in Pommern, heute Polen) evakuiert. Klaus besucht dort die Dorfschule. Als sich im Januar 1945 die Ostfront nähert, fliehen Mutter und Sohn zurück nach Berlin-Neukölln in ihre alte Wohnung und geraten in das Chaos des Kriegsendes. Klaus Feldmann hat ein gutes Gedächtnis und kann sich noch an viele Einzelheiten erinnern. Für den aufgeweckten Neunjährigen hat der Krieg nichts Beängstigendes. „Ich war ein neugieriger Junge und habe überall herumgestöbert. Dass damit Gefahren verbunden waren, war mir nicht bewusst“, erklärt er und berichtet, wie nach Kriegsende die Jungen von der Straße nahe dem Flughafen Tempelhof ein Munitionsdepot entdecken. Sie lösen das Schwarzpulver aus den Patronen, weil sie wissen, dass man es zum Kochen benutzen kann. Die russischen Eroberer kümmern sich nicht darum. Wenige Wochen später fällt Neukölln in die Hände der Amerikaner, die das Spielen mit Munition bei Strafe verbieten. Einmal erwischen sie einen der Jungen bei der gefährlichen Bastelei und verprügeln ihn nach Strich und Faden.

Klaus erinnert sich auch an die allerletzten Kriegstage, als die Russen schon Treptow erreicht haben. Die Menschen in der Stadt versuchen sich irgendwie über Wasser zu halten; Essbares gibt es kaum noch. Man nimmt alles Verwertbare, das man findet, einfach an sich und nennt das „organisieren“. Einmal steht ein beladener Güterzug unbewacht auf dem Neuköllner Güterbahnhof, den die Leute aufbrechen, um ihn zu plündern, ungeachtet der immer näher kommenden russischen Bodenangriffe. Klaus und seine Freunde beobachten die Situation und mischen sich unter die Plünderer. Als das russische Kanonenfeuer den Zug erreicht, laufen die Kinder und einige Plünderer im letzten Moment weg und retten sich auf die angrenzende Böschung. Plötzlich erscheint deutsches Militär und riegelt die Zugtüren ab. Wenige Minuten später fliegt der Zug mit all den Menschen, die zu langsam und vielleicht zu gierig waren, in die Luft – vor den Augen der Kinder.

Als später die ersten Russen am Güterbahnhof ankommen, sind die Straßen wie leergefegt. Die Menschen, es sind ja nur Frauen, Kinder und Alte, haben sich in den Luftschutzkellern verschanzt. „Die Mongolen waren besonders rabiat“, erklärt Klaus. „Sie griffen sich den Schnaps und die Frauen“. Klaus und seine Freunde streunen trotzdem draußen herum; dort ist es viel zu aufregend, als die Ungewissheit im Luftschutzkeller auszuhalten. Plötzlich gibt es lautes Geschrei. Da sehen die Kinder, wie sich zwei betrunkene russische Soldaten aus dem Staub machen wollen. Sie werden verfolgt von einer halb angezogenen, kreischenden Frau. Auch ein anwesender russischer hoher Offizier bekommt die Szene mit. Auf Vergewaltigung steht die Todesstrafe. Er lässt die Soldaten festnehmen und an der nächsten Straßenecke erschießen.

Auf dem Platz vor Klaus’ Haus haben die Russen eine Gulaschkanone aufgestellt. Und zur Essenszeit stehen die Kinder in gebührendem Abstand, aber doch sichtbar, mit ihren Essenstöpfen bereit. Immer bekommen die Kinder etwas ab. Die Russen sorgen dafür, dass sehr bald die Schulen geöffnet werden. Mit neun Jahren wird Klaus endlich in die Jungenschule an der Jonasstraße eingeschult. Davor waren Russen im Gebäude einquartiert, teilweise diente es auch als Pferdestall. Die Klassenräume haben keine Fenster mehr, und es ist kalt; Kohle gibt es nicht zum Heizen. In eine Klasse gehen 30 und mehr Kinder; die meisten Lehrer sind alt und wenden noch die Prügelstrafe an. „Ich war eigentlich kein schlechter Schüler“, sagt Klaus, „gehapert hat es nur bei der Algebra“. Klaus ist älter und auch viel kräftiger als die meisten seiner Klassenkameraden, und er entwickelt einen eigenen Gerechtigkeitssinn: „Ich habe mich für die Schwächeren eingesetzt und die Großen verhauen, wenn sie die Kleinen geärgert haben.“

Beim Übergang in die Oberschule fallen die Schulfreundschaften auseinander. Die meisten wechseln zum Praktischen Zweig (vergleichbar mit der späteren Hauptschule) in die Schule an der Jonasstraße. Sechs Schüler gehen zum Technischen Zweig (erweiterte Hauptschule) in die Kopfstraße, zwei zum Wissenschaftlichen Zweig (Gymnasium) in die Schule am Hermannplatz. Klaus hat eine Empfehlung für den Technischen Zweig, zieht aber den Praktischen vor, weil die meisten seiner Freunde dort ihre Schullaufbahn beenden wollen.

Fast alle Jungen wollen einmal Lokführer oder Feuerwehrmann werden. Mehrere Väter von Klaus‘ Freunden waren früher Eisenbahner und so liegt es nahe, dass Klaus sich bei der Reichsbahn um eine Ausbildung bewirbt. Man bietet ihm eine Lehre als Betriebsschlosser an, die breit angelegt ist, so dass er auch vieles über benachbarte Berufe erfährt wie Elektriker, Schmied oder den Werkzeugbau. 1954 hat er ausgelernt. Inzwischen gehört die Reichsbahn zur DDR, aber man kann noch sowohl in Ost- als auch in West-Berlin eine Stelle finden. Allerdings wird die Reichsbahn in West-Berlin kritisch gesehen. Als gelernter Schlosser bekommt er bei der Reichsbahn 56 DM in der Woche. „Das muss man sich mal vorstellen“, sagt Klaus noch heute empört. „Ein Radio kostete 200 bis 300 DM!“ Da Klaus sich pfiffig zeigt und auch eine gute Handschrift hat, wird ihm eine in zwei Jahren frei werdende Planstelle Aussicht gestellt. Nebenbei macht Klaus Sport. Er beginnt mit Judo und trainiert für die nächste Meisterschaft. Deshalb kommt er oft zu spät zur Arbeit, die morgens um 7 Uhr beginnt. Doch er einigt sich mit seinem Chef, dass er erst um 10 Uhr anfangen muss. Aber ein anderes Problem ist noch nicht gelöst: Klaus braucht mehr Geld. Er möchte sich auch mal vergnügen, Mädchen einladen, mit ihnen tanzen gehen. Von Sportsfreunden, mit denen er manchmal Fußball spielt, erfährt er, dass man auf dem Bau mit Akkordarbeit viel mehr verdienen kann.

Als Hucker verdient Klaus 120 DM in der Woche. Jetzt muss er um 6 Uhr auf der Baustelle sein, um den Maurern, die eine Stunde später anfangen, Steine und Zement vorzulegen. In der Regel transportieren Hucker etwa zwei bis drei Zentner; manchmal sind es auch vier. Dann werden Wetten abgeschlossen, ob der Hucker das schafft. Wer verliert, zahlt einen Kasten Bier. Den Sport vernachlässigt Klaus trotzdem nicht. „Ich wollte immer vorne sein“, erläutert Klaus seinen Antrieb. „Allerdings fand sich beim Judo kein geeigneter Gegner mehr, und so kann man sich nicht verbessern.“

Also versucht er sich als Ringer und ist auch in dieser Disziplin erfolgreich. Als Siebzehnjähriger kämpft er in der Hasenheide gegen den schwedischen Olympiasieger und streckt ihn in zweieinhalb Minuten nieder. Normalerweise muss man beim Ringerwettkampf mindestens 18 Jahre alt sein, aber Klaus hat eine Ausnahmegenehmigung. Aufgrund dieses Sieges erhält er eine Einladung nach Schweden, wo er zwei Monate lang an verschiedenen Turnieren teilnimmt. In Schweden gibt es Preisgelder: für einen Turniergewinn 50 Kronen. Am Ende seines Aufenthalts hat er 1000 Kronen zusammen. „Das war wahnsinnig viel Geld für mich.“ Klaus probiert weitere Sportarten aus, er boxt und spielt Handball. Immer erfolgreich, so dass der Vielseitige oft für Turniere ausgeliehen wird. So spielt er auch mal in der Polizeimannschaft Handball gegen die Feuerwehr, obwohl er kein Polizist ist. „Das nahm man damals nicht so genau.“

Sein Geld verdient er jetzt als Steinmetzhelfer bei der Errichtung einer Statue im Columbiabad und beim Wiederaufbau des Reichstags. Dann bietet ihm sein Chef an, ihn morgens zu dessen verschiedenen Baustellen zu fahren. Der neue Job als Chauffeur hat auch etwas mit seiner Statur zu tun, er ist nun der Bodyguard des Chefs. Sehr bald bekommt er Angebote als Türsteher und lernt dadurch das Gastronomiegewerbe näher kennen. Viele Jahre lang arbeitet er in Berliner Clubs und Discos, wird „Geschäftsführer“ (so nannte man früher den Rausschmeißer) und macht Anfang der 1960er-Jahre in der Neuköllner Nogatstraße sein eigenes Lokal auf: „Feldmann’s Bierbar“. Das nötige Geld leiht ihm sein Onkel. In dieser Zeit gibt es viele Bars in Neukölln mit einem regen Nachtleben bis in den frühen Morgen, denn Berlin (West) hat keine Polizeistunde. Klaus ist beliebt und auch gefürchtet; er kann gut tanzen, aber auch kräftig austeilen, wenn es sein muss. Für seine Freunde, an die sich niemand herantraut, setzt er sich ein. Aber wenn jemand seinen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn provoziert, schlägt er zu. So bekommt er es mit der Polizei zu tun, wird verurteilt und muss 1959 in den Knast.

„Mein Ruf eilte mir voraus. Im Knast wusste man schon, dass ‚Feldmann kommt’, und ich hatte gleich nach meiner Ankunft in Tegel Privilegien.“ Die Anstaltskleidung ist neu und nicht, wie üblich, gebraucht; er darf in der Druckerei arbeiten und bekommt beim Essen immer eine Kelle mehr. Später wird ihm eine große „Arztzelle“ (eine Art Krankenzimmer) zugewiesen, und er darf – erst in Begleitung, dann allein – sich im Gefängniskomplex bewegen und die besten Jobs aussuchen: Hofkommando, Wagenwäscher, Badekalfaktor (Reinigung des Duschraums und Überwachung des Warmwasserverbrauchs). Im Knast lernt er den Schauspieler Harald Juhnke kennen, der wegen Trunkenheit am Steuer und Widerstand gegen die Staatsgewalt einsitzt. „Prima Kerl, ein volkstümlicher Kumpel!“ Juhnke muss nur ein paar Wochen abbüßen, obwohl eine längere Verurteilung vorliegt. „Promi-Privileg. Ich hab’s ihm gegönnt.“ In späteren Jahren wird Klaus ihm noch öfter beruflich begegnen. Bei einer weiteren, kleineren Haftstrafe wegen unerlaubten Waffenbesitzes lernt er im Haus 4 Andreas Baader kennen, den späteren Terroristen. „Der war dort wegen eines kleineren Vergehens, ein ruhiger Typ. Sehr hilfsbereit. Er verfasste für andere Gefangene zum Beispiel Gnadengesuche und Eingaben für das Gericht. Er war sehr beliebt.“

Beim nächsten Vergehen ist Klaus schlauer und nutzt seine freundschaftlichen Beziehungen zu einem Rechtsanwalt. Er erreicht, dass die Richterin „Gnade vor Recht“ ergehen lässt, ihn aber so streng verwarnt und ihm eine lange Haftstrafe androht, dass er die Konsequenzen zieht. Er siedelt in das ruhigere Rudow um und betreibt dort ein neues Lokal.

In dieser wilden Zeit lernt Klaus viele Prominente kennen, wie die Schauspieler Karin Baal, Gunter Philipp, den Schlagersänger Bully Buhlan, auch Horst Buchholz, der „Bei Bruno“ in der Schillerpromenade gern ein Bier trank und einen eher schüchternen Eindruck machte. Drafi Deutscher trat in verschiedenen Neuköllner Nachtlokalen auf. „Man merkte gar nicht, dass er Analphabet war“, sagt Klaus anerkennend. „Doch wirklich akzeptiert wurde nur jemand, der ein guter Tänzer und ein guter Schläger war.“ Dazu gehört die angemessene Kleidung, bei der man sich an amerikanischen Vorbildern orientiert. Ein Muss ist der stahlblaue Anzug, das blütenweiße Hemd und der Schlips mit dem aufgedruckten Hawaiimädchen, ergänzt durch einen Trenchcoat, frei nach Humphrey Bogart im Film „Casablanca“. Wer diesem Dresscode nicht folgt, wird nicht respektiert. Klaus trägt dazu Budapester Schuhe mit erhöhtem Absatz. So misst er schließlich 1,78 Meter, wirkt aber durch sein breites Kreuz und die schmale Taille noch größer – und hat den Ruf ein Zwei-Meter-Mann zu sein.

In den 1980er-Jahren ist Klaus bei der Polizei privat als Bodyguard beschäftigt und zuständig für Prominenz, wie Schauspieler und Sänger, meistens bei Großveranstaltungen. Seine Aufgabe ist es, die Künstler sicher von einem Ort zum anderen zu schleusen, zum Beispiel durch die Menschenmassen in den Messehallen: vom Pressecafé zu Halle A, von Halle 3 zur Bühne 9. „Das sah so aus: Ich vorneweg als Rammbock. Prominente an der Hand. Oder sie hielten sich an meinem hinteren Hosengurt fest. Dann durch die Masse. Wir standen immer unter Zeitdruck. Alle waren mit mir zufrieden. Deshalb hatte ich mit den meisten auch einen persönlichen Kontakt. Zum Beispiel mit: Thomas Gottschalk, Günter Jauch, Freddy, Harald Juhnke, Dieter Thomas Heck, Marianne Rosenberg, Gitte und vielen anderen. Manche waren kameradschaftlich, andere eingebildet – wie im richtigen Leben.“

1999 hat Klaus einen Bandscheibenvorfall. Auch sind drei Halswirbel beeinträchtigt. Es sind Schäden, die in der Zeit entstanden, als Klaus Ringer war. „Bei den Überstürzen hatte ich mir die Nerven abgeklemmt. Mir war klar, ich musste was machen“, erklärt er und berichtet, wie er erneut mit dem Sport beginnt – nach 35 Jahren Pause. Zum Glück hat er nie geraucht und erzählt, wie er als Kind mit seinen fünf Freunden heimlich an einer Zigarette zog und ihm danach so schlecht wurde, dass ihm der Appetit für immer vergangen ist. Nur eine sündhaft teure kubanische Havanna-Zigarre hat er „aus Angabe“ nie verschmäht, wenn es die Gelegenheit dazu gab. Dann hat er hineingepustet, anstatt den Rauch einzuziehen. Auch ist er kein Alkoholiker, obwohl er damals viel vertragen konnte. Er trank „aus Gesellschaft“, nicht weil es ihm schmeckte. Insgesamt also sind die Bedingungen günstig, um wieder Sport zu treiben. Klaus trifft alte Sportsfreunde, die ihn ermuntern und neue Kontakte eröffnen, besucht Fitness-Studios und entwickelt allmählich wieder den Ehrgeiz der Beste sein zu wollen. Bei Sparta, einem Buckower Gewichtheberverein, schafft er zum Erstaunen seiner Freunde auf Anhieb 90 Kilogramm. Es ist ihm ziemlich leicht gefallen und er spürt, dass er sich steigern kann. Wenige Monate später nimmt er bei der Berliner Meisterschaft teil und schafft im Bankdrücken 95 Kilo.

Innerhalb von sieben Jahren nimmt er an Kraft zu und verbessert er seine Leistung auf ca. 150 Kilogramm. Er wird Mitglied der Deutschen Nationalmannschaft. Eine Meisterschaft folgt auf die andere. Klaus ist in ganz Europa unterwegs, im Jahr 2004 sogar in Amerika, und holt einen Titel nach dem anderen, auch Weltmeistertitel. Er kann die vielen gewonnenen Medaillen gar nicht mehr zählen. Die Wettkämpfe werden zur Routine, „wie das tägliche Mittagessen. Ich habe alles erreicht. Doch nervös ist man noch immer. Ich versuche jedes Mal das Beste daraus zu machen.“ Es ist ihm eine Ehre dabei zu sein.

Heute, mit 80 Jahren, ist Klaus der älteste aktive Kraftdreikämpfer der Welt in der Klasse bis 105 Kilogramm. Bei Welt- und Europameisterschaften gewann er insgesamt 20 Gold-, Silber- und Bronzemedaillen. In den 16 Jahren seit seinem Neustart siegte er bei 138 Meisterschaften; außerdem kann er 17 deutsche und 40 Berlin-Brandenburgische Rekorde für sich verbuchen.

Der Kraftdreikampf ist die Königsdisziplin beim Kraftsport, weil die Gewichte auf vielfältige Art gehoben werden müssen, erklärt Klaus. Bei der Kniebeuge hält der Sportler eine z. B. 120 kg schwere Langhantel auf dem Rücken und stemmt sie nach Aufruf in die Höhe. Beim Bankdrücken liegt der Sportler und hat die Hantel (z. B. 137,5 kg) auf der Brust abgelegt. Auf Zuruf stemmt er sie mit der Kraft seiner Arme hoch. Bei der dritten Disziplin, dem Kreuzheben, muss der Sportler die vor ihm liegende Hantel mit z. B. 182,5 kg mit beiden Händen greifen und hochheben, bis die Knie durchgedrückt sind und die Schultern nach hinten zeigen. Im Jahr 2003, als Klaus 67 Jahre alt war, konnte er zum Beispiel in Lechfeld bei den Deutschen Meisterschaften im Kraftdreikampf mit diesen Gewichten eine Goldmedaille gewinnen. Er war in der Gewichtsklasse 100 bis 110 Kilogramm gestartet.

Klaus ist stolz auf seine Leistungen und denkt noch nicht ans Aufhören. Der Kraftsport fällt im noch immer leicht, und er muss sich auch nicht beim Essen kasteien. Er mag Eisbein, Milch und Kuchen. Seine Freunde sagen bewundernd, das, was er zu sich nähme, sei Gift; trotzdem sei er der Beste. Dreimal wöchentlich geht er zum Training, macht Kastenrudern und fördert den Kreislauf. In den letzten Jahren hat die Kraft ein wenig abgenommen, er ist jetzt bei ca. 110 Kilogramm. Allerdings hat er starke Schmerzen in den Gelenken. Doch bei den Wettkämpfen sind die Schmerzen mit Hilfe des frei werdenden Adrenalins wie weggeblasen. Noch einen weiteren Wermutstropfen erwähnt er: Bei dieser Sportart kann man nichts verdienen. Preisgelder werden nicht gezahlt. „Man muss alles selbst finanzieren, die Anfahrt, die Unterkunft, die vorgeschriebene Sportbekleidung. Der deutsche Verband übernimmt lediglich das Startgeld. Als Dank bekommt man lediglich einen kräftigen Händedruck vom Gouverneur oder Bürgermeister.“ Klaus bedauert, dass es keine Sponsoren für den Kraftsport gibt. Bald sind seine Rücklagen aufgebraucht, dann wird er sich wohl zurückziehen müssen. Das Abtreten wäre für den Ehrgeizigen schmerzhaft, so lange er noch Erfolge erzielen kann. Schließlich gibt es eine sportliche Tradition in der Familie: seine Onkels, die Brüder seiner Mutter, arbeiteten als Schleuderakrobaten und traten in den 1930er-Jahren bis zum Zweiten Weltkrieg als „Die vier Bennos“ im Zirkus Barley auf. Der einzige Onkel, der den Krieg überlebte, machte in den 1950er-Jahren mit der „Carlos-Truppe“ weiter, in der Klaus als vielseitiger Sportler mitarbeiten durfte. Das aufregende Gefühl auf der Bühne zu stehen, hat er schon damals genossen. Diese Tradition möchte er so lange wie möglich lebendig halten.

Als wir uns zum Schluss erschöpft zurücklehnen, fasst Klaus seine Geschichte im schönsten Berlinerisch zusammen: „Det Jute vergisst man nich, det Schlechte ooch nich. Aber da is ‘ne Menge noch dazwischen.“



Mittwoch, 24. Mai 2017

33. Erzählcafé im Körnerkiez

Donnerstag, 18. Mai 2017

Dr. Dorothea Kolland
Leiterin des Kulturamts Neukölln von 1981 bis 2012

Der Beitrag erscheint im Lauf des Sommers 2017.


32. Erzählcafé im Körnerkiez

Donnerstag, 4. Mai 2017

Christoph und Michael Mehling
Unsere Jugend in Neukölln

Der Beitrag erscheint im Lauf des Sommers 2017.

Freitag, 28. April 2017

31. Erzählcafé im Körnerkiez


Donnerstag, 20. April 2017

Günter Meyer
Von der Eifel bis Berlin – Stationen meines Lebens

1. Langenhagen

Geboren bin ich im Februar 1940 in einer kleinen Eisenbahner-Siedlung in einem Gleisdreieck in Hannover-Langenhagen. Meine Eltern waren zwei Jahre vorher mit zwei Söhnen und einer Tochter aus einem kleinen Eifeldorf hierhergezogen. Mein Vater hatte hier eine Arbeit bei der Eisenbahn gefunden.

Einer der Mieter hatte Gänse, die frei rumliefen. Als Dreijähriger machte ich öfter Bekanntschaft mit ihnen: wenn sie mich sahen, wollten sie mich sofort zischend verfolgen. Glücklicherweise haben sie mich nie beißen können, weil ich schnell genug weg gerannt bin. Ein anderes Mal wollte ein erwachsener Mann mir Angst machen. Er nahm mich und hielt mich über einen tiefen, offenen Brunnen und sagte: „Ich lass dich da rein fallen!“ Meine Mutter stand dabei. Leider war sie wohl überrumpelt und nicht selbstbewusst genug, um einzuschreiten.

Andere Erinnerungen haben mit dem Krieg zu tun. Um uns vor Bombenangriffen zu schützen, gingen die Bewohner unseres Hauses in den Keller, später in eine Aushöhlung in den nahen Bahndamm. Irgendwann mussten wir ins Zentrum Langenhagens gehen, zu einem großen Bunker mit sehr dicken Betonwänden. Manchmal schafften wir es nicht, weil meine Mutter mit ihren vier Kindern nicht zeitig genug los gekommen war. Dann gingen wir auf dem Weg in eine Fabrik mit einem Behelfsbunker für Zwangsarbeiter. Hier musste man über Bohlen laufen, weil alles unter Wasser stand. Ob es Gespräche zwischen den Zwangsarbeitern und Deutschen gegeben hat, kann ich mich nicht erinnern. Immer waren wir dort nachts, alle wollten wohl schlafen.

Die kleinen Kinder haben im Bunker auf dem Schoß ihrer Mütter gesessen. Die größeren Kinder haben mit einander gespielt: die Mädchen mit dem Fadenspiel, Jungens halfen im Bunker mit, Sauerstoff mit Kurbeln in die Räume zu pumpen. Einmal saß ein dicker Mann am Ende unserer Bank. Auf ein Zeichen standen alle auf und der Mann fiel auf den Boden. Alle freuten sich darüber.

Kurz vor Kriegsende gab es ständig Bombenangriffe, so dass wir tagelang im Bunker bleiben mussten. Zwei ältere Geschwisterkinder aus dem Gleisdreieck haben so lange auf ihre Mutter eingeredet, bis sie sie gehen ließ, um Spielsachen zu holen. Als sie im Haus waren, gab es einen Bombenangriff. Das Haus, indem sie wohnten, wurde total zerstört, die anderen nur zum Teil. Unser Haus so, dass niemand mehr hinein gehen konnte, nicht mal um Anziehsachen zu holen. Am folgenden Vormittag haben wir uns das Unglück angesehen. Da lagen die beiden Kinder in Teppiche gerollt am Rande der Trümmer.

Wir schliefen einige Nächte bei Verwandten von bisherigen Nachbarn. Schon nach wenigen Tagen war uns das Schlafzimmer einer Familie in einer Zwei-Zimmerwohnung zugewiesen worden. Hier schliefen wir zu fünft im Ehebett. Meine Mutter hat im Juli vom Wohnungsamt eine Wohnung zugewiesen bekommen. Sie lag im Zentrum von Langenhagen. Unsere Verwandten in Röhl erfuhren gleich nach dem Krieg über mehrere Ecken, wie es uns in den letzten Kriegswochen ergangen war: “Ausgebombt, aber noch alle am Leben“.

In den letzten Kriegstagen hatte mein ältester Bruder gehört, dass im Mittellandkanal ein Versorgungsschiff mit Lebensmittel geplündert wurde. Er kam mit einem großen Karton mit Traubenzucker (Dextropur, die kleine Packung war ebenso eingepackt wie heute) nach Hause. Das war eine große Hilfe. Wir hatten Zucker und wir hatten etwas zum Tauschen.

Auch nach dem Krieg hatten wir großes Glück. Viele Kinder verunglückten, weil sie mit Munition spielten und in Ruinen nach Essbarem und Tauschbarem suchten. Mein ältester Bruder hatte aus Sprengstoff von Patronen Knallfrösche machen wollen. Dabei hat er sich an Händen und Armen verbrannt. Sonst gab es bei uns keine Unfälle.

Unser Vater kam schon im August 1945 aus englischer Kriegsgefangenschaft nach Hause. Da hatten wir schon unsere Dreizimmer-Dachwohnung. Im Jungen-Zimmer konnte man durch die Decke den Himmel sehen. Das hat mein Vater gleich repariert. Überhaupt gab es kaum Arbeiten, die er sich nicht zutraute und er konnte organisieren, dazu gehörte in Maßen auch zu stehlen. Im Gleisdreieck hatten wir einen großen Garten. Dort wurden Hühner gehalten. Eine Anlage um Schnaps zu brennen, hatte mein Vater gebaut. Der Schnaps wurde vor allem an die englischen Besatzungssoldaten verkauft. Ende 1945 wurde der Flughafen in Langenhagen parzelliert. Mein Vater hatte da zwei Morgen Land gepachtet, um Getreide und Kartoffeln anzubauen. Nach der Währungsreform 1948 suchte er mit meinen älteren Brüdern Altmetall. Einmal fanden sie unter der Erde an einem Wegrand das Wrack eines im Krieg abgestürzten Flugzeugs. Das waren mehr als 1000 kg Aluminium für 2,30 DM/kg. Das alles machte mein Vater neben seiner Arbeit als Eisenbahner auf einem Stellwerk.

Im September 1946 gebar meine Mutter noch eine Tochter. Ich war gerne jüngstes Kind: von allen Hilfe zu bekommen, beschützt zu werden, im Mittelpunkt zu stehen. Diese Rolle ging an die jüngere Schwester. Vorher, als mein Vater wieder da war, hatte ich schon den besonderen Platz neben meiner Mutter, verloren. Beides machte mir psychische Probleme.

Weihnachten in meiner Kindheit: Den ganzen Dezember über sangen wir erst Nikolauslieder, dann Weihnachtslieder. Selbst in dieser Zeit machte unsere Mutter für uns Kekse und Süßigkeiten. Weihnachten 1945 gab es Marzipan aus Weizengrieß und Margarine. Puderzucker wurde aus dem Traubenzucker gemacht. Künstliches Aroma gab es sogar in dieser Zeit zu kaufen. Für einfache Mürbeteig-Kekse wurde Melasse verwendet, die uns ein Onkel besorgte, der in englischer Kriegsgefangenschaft in einer Zuckerfabrik bei Hannover arbeitete.

Ich erinnere mich an ein besonderes Reinemachen der Wohnung vor Weihnachten. Meine Mutter hatte dabei fünf Kinder „anzuleiten“, was ihr in aller Regel auch gut gelang. Wir Kinder waren in einer merkwürdigen Stimmung, so als ob wir uns verschworen gehabt hätten, unsere Mutter bei der Arbeit zu boykottieren. Alles, was sie uns sagte, machten wir nur sehr widerwillig. Zwei von uns stritten sich, mein Bruder schubste meine Schwester. Sie fiel gegen den Küchenschrank und brach dabei ein vorstehendes Teil von einer Schublade ab. Der Donner, der darauf erfolgte, reichte noch nicht aus. Erst als mein anderer Bruder anfing mit einem Ball zu spielen und der Ball  in den Eimer mit dem Aufwischwasser fiel und schmutziges Wasser auf die schon gewischten Dielen spritzte und meine Mutter ihm den Eimer mit dem Aufwischwasser über den Kopf gestülpt hatte, kamen wir zur Besinnung. Ich weiß nicht mehr, ob wir uns getraut haben zu lachen. Jedenfalls von da an flutschte die Arbeit.

Heiligabend war wie ein normaler Samstag: Nachmittags hatte jedes Familienmitglied eine gewisse Zeit, sich in der Küche im Stehen an einer Schüssel mit warmem Wasser von oben bis unten zu waschen. Zum gemeinsamen Kirchgang und zur Bescherung zogen wir unsere Sonntagssachen an. Das waren in den ersten Jahren nach dem Krieg für jeden eine Jacke und eine Hose aus dickem, sperrigem Zeltleinen. Die englischen Militärzelte dafür hatte mein Vater organisiert/geklaut und eine Schneiderin, die zu den Leuten nach Hause kam, hatte sie genäht. Weit konnten wir in dieser Kleidung nicht gehen, sonst wurden wir wund zwischen den Oberschenkeln.

Im Jahr nach der Währungsreform bekam jedes Kind auch einen großen Weihnachtsmann aus Schokolade, eingepackt in Stanniol. Jeder aß seinen Weihnachtsmann gleich. Wohl auch, um nichts abgeben zu müssen. Meine ältere Schwester dagegen hob sich den Weihnachtsmann noch wochenlang auf. Irgendwann bereitete sie alles vor, um aus dem Verspeisen des Weihnachtsmannes ein kleines Fest zu machen. Nur, als sie zur Tat schritt, war er ganz leicht geworden, weil fast nur noch Stanniol übrig geblieben war. Die Schokolade hatte mein zweitältester Bruder und ich nach und nach kunstvoll, ohne das Stanniol zu verletzen rausgebrochen. Auf das dann folgende Drama hatten wir uns schon die ganze Zeit eingestellt. Wir gaben ihr die Schuld, weil sie uns in Versuchung geführt hatte.

Als 12jähriger war ich Zeuge eines schweren Unfalls. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs zu einem Freund und fuhr bei einem Nachbarn vorbei. Er war den Vormittag über mit seinem neuen Motorrad beschäftigt, hatte es auseinander genommen, gereinigt und geölt und dann ohne große Mühe wieder zusammengesetzt. Kein Teil war übrig geblieben! Er war sehr zufrieden mit sich. Zum Abschluss wollte er eine Probefahrt machen. Ich fuhr weiter. Er hat mich dann auf seinem Motorrad überholt, nur mit einer Badehose bekleidet. Ich hätte es hören müssen, dann am Unfallort, grauenvoll: Sein linkes Bein war am Rumpf abgerissen und lag auf einer Seite der Straße, das Motorrad auf der anderen Seite. Daneben lag er in einer Blutlache.

Wie konnte das an dieser vollkommen übersichtlichen Kreuzung passiert sein? Von links kam der am Unfall beteiligte Volkswagen. Der Nachbar fuhr schneller, um noch vor dem Volkswagen über die Kreuzung zu kommen. Der Autofahrer aber auch! Also der Nachbar wohl noch schneller. Und dann hat es gekracht. Wie er da lag, schien ihn eine große Gelassenheit ergriffen zu haben, wohl wegen der Unausweichlichkeit seines Todes. Er schrie nicht, weinte nicht. Obwohl wach, kam kein Ton aus ihm. Leute kamen, einer hielt seinen Kopf im Schoß und mehrere versuchten seine Blutgefäße am Rumpf zusammen zu drücken. Das gelang aber immer nur kurz, dann rutschten sie aus den Fingern. Als der Rettungswagen kam, war er schon tot.

Als meine Geschwister mit einer Lehre begonnen hatten, übernahm ich ihre Aufgaben in der Familie als Einkäufer und zusammen mit meinem Vater die Betreuung eines Schafes und einer Ziege, die wir auf dem Hof im Schuppen hielten. In meiner Erinnerung habe ich das gerne gemacht. Ich musste nicht immer wieder dazu angehalten werden.

Nach acht Jahren Volksschule begann ich eine Buchdruckerlehre. Die Druckerei war auf dem Hof des großen Mietshauses, in dem wir wohnten. Die ersten Monate waren wie eine Initiation. Danach war ich neu ausgerichtet, war ein Sozialist geworden und wurde Mitglied der IG Druck und Papier. Meine Eltern und Geschwister wunderten sich darüber, dass ich für so was Geld ausgebe.
2. Röhl

Unsere Vorfahren stammen aus der Südeifel, aus kleinen Dörfern des Bitburger Landes. Die beiden Großeltern und die meisten Onkel und Tanten wohnten in Röhl.  Sie waren kleine Bauern und Handwerker.

Da unser Vater Eisenbahner war, bekamen wir zwei Freifahrtscheine im Jahr. Damit fuhren wir zweimal im Jahr von Hannover in die Eifel.  Im Krieg  waren wir 1 1/2 Jahre dort. Als wir 1944 auf der Rückfahrt durch einen größeren  Bahnhof  fuhren, hörten wir Bombenalarm. Der Bahnhof war menschenleer. Wir fuhren wie in einem Geisterzug langsam ohne Anhalten durch den Bahnhof

Im Sommer 1947 fuhr die Familie zum ersten Mal nach dem  Krieg wieder zusammen nach Röhl. Unser Vater blieb zu Hause. Er musste sich um unsern Garten, die Hühner und das Land auf dem Flughafen  kümmern. Er hatte uns vorher in den nach Köln bereitgestellten Zug eingeschleust. Die Züge waren unvorstellbar voll, nicht nur innen, sondern  auch außerhalb der Züge standen und saßen Leute: auf den Dächern, den Prellböcken, den Trittbrettern. Über den Rhein sind wir in einem offenen Boot gefahren. Zwischendurch war die Strecke nur noch einmal zerbombt. Wir mussten ein längeres Stück mit einem LKW fahren.

Im nächsten Sommer  war die ganze Strecke schon wieder befahrbar. In Köln gingen wir in den Wartesaal. Die Währungsreform hatte schon stattgefunden. Deshalb gab es wieder alles. Wir Kinder hatten von  Coca Cola gehört und wollten sie probieren. Unser Vater bestellte eine normale kleine Flasche für alle. Einer von uns  trank davon und fand,  dass der   Inhalt verdorben sei. Wir  andern probierten auch,  schlossen uns dieser Meinung an. Unser Vater musste sich widerstrebend beim Kellner beschweren. Der hielt uns für verrückt, "so schmeckt das", sagte er und schüttelte den Kopf. Vielleicht hat  dieses Erlebnis bewirkt, dass ich Coca Cola  bis heute  mit etwas Verdorbenem  verbinde.

In Röhl war das in den 50er Jahren so: Zu fast jedem Haushalt  gehörte ein landwirtschaftlicher Betrieb und  oft ein Handwerker, der vor Ort arbeitete oder im Sommer ins Ruhrgebiet oder nach Luxemburg  zum Arbeiten ging. 100 Wohnhäuser standen in Röhl und 600 Einwohner  lebten hier. Das Dorf war wie ein Organismus. Alle konnten von ihrer Arbeit leben. Man hätte viele Arbeiten auch selber machen können. Das tat man aber nicht, sondern beschäftigte den Handwerker.

Es gab Brennereien/Keltereien , um Schnaps und um Apfelwein und Apfelsaft herzustellen.
Friseure, die in die Wohnungen der Leute kamen,
Milchkontrolleur,  als Nebenjob,
Schlagmeister für den Wald, der half dem Förster, plante das Fällen von Bäumen und das Auspflanzen kleiner Bäume,
Schmiede, für das Beschlagen der Pferde, Ochsen und Kühe mit Hufeisen
Schneider, die von Hand genäht haben,
Stellmacher, die haben die bäuerlichen Wagen gebaut und repariert,
Küfer, die Holzfässer hergestellt haben,
Es gab vier sehr kleine  Einzelhandelsgeschäfte. In einem von ihnen hat ein Mann verkauft, der war ganz dick und unbeweglich. Der ging nicht hinter seiner Theke weg. Seine Toilette war auch da. Da drin war es so schwarz, wie in einem Schornstein. Petroleum, Lebensmittel, alles hat er mit seinen dreckigen Fingern angefasst.
In andern Läden musste man erst nach jemandem suchen, der einem was verkaufen konnte. Wir Kinder  waren damals sehr zurückhaltend und schüchtern. Meistens warteten wir bis jemand von sich aus  kam. Das konnte lange dauern.
Am Rande des Dorfes gab es  mehrere  Steinbrüche. Aus den Natursteinen wurden Gebäude und Straßen gebaut und man brauchte sie,  um den  Kalkofen zu betreiben. Beides war für uns Kinder total interessant. Der Kalkofen basierte auf  einer Jahrtausende alten Technik. Man baute ihn dort, wo es einen Felssprung gab.  Da hinein baute man ihn, ca. 5m hoch und mit einem Durchmesser von 2m. Im Kalkofen wurde drei Tage lang ein Holzfeuer in Gang gehalten. Dann war aus den Steinen ungelöschter Kalk geworden. Um ihn als Mörtel zu verwenden, musste er mit Wasser zusammen gebracht werden.
Dann gab es noch  Gaststätten, Elektriker, Hausschlachter, Hebamme, Installateur, Maler,
Maurer, Schlosser, Schreiner, Zimmermann, Schuhmacher.

Viele Arbeiten fanden auf der Straße statt  (zum Beispiel der Stellmacher hätte einen sehr großen Arbeitsraum gebraucht) oder in Gebäuden, die  für alle zugänglich waren (zum Beispiel in die Brennereien konnte man hineingehen, um sich Schnaps zu kaufen, aber auch nur wie ich, um zuzusehen).

Sozial differenzierte sich das Dorf in Bauern, Handwerker, die in der Regel auch eine kleine Landwirtschaft hatten und in arme Leute ohne Land. Da es noch keine Traktoren gab, war die soziale Schichtung orientiert an den Tieren, die man vor den Wagen und das landwirtschaftliche Gerät spannte. So gab es Pferdebauern, das waren die wenigen großen Bauern, die Ochsenbauern, die  Kuhbauern und Leute, die nur ein paar Ziegen hatten, die sie an Wegränder zum Fressen führten.

Es gab keine zentrale Trinkwasserversorgung, an die jedes Haus angeschlossen gewesen wäre. Stattdessen gab es im Dorf mehrere Stellen, wo kontinuierlich Wasser in große Sandsteintröge  floss. Von hier holte man sich Wasser für den Haushalt,  die Frauen kamen, um Wäsche zu Waschen und man kam mit Kühen, Pferden und Ziegen, um sie zu tränken.

Dann gab es noch einen weiteren Grund, der die Leute zusammengebracht hat.  Die Feldgrößen waren wegen des Erbrechts sehr klein. Die kleinen Bauern hatten  zum Beispiel 30 Morgen=7,5 Hektar Land, vielleicht an 10 bis 20 Stellen in der Gemarkung verstreut. An jedem Tag ging man zu mindestens einem Acker, im Frühjahr und Sommer öfter. War alles o. k.? Waren Wildschweine dagewesen, die den ganzen Acker aufgerissenhatten?

Heute hat Röhl nur noch  400 Einwohner. Die Zahl der Häuser hat sich aber verdoppelt; die Wohnfläche hat nochmal zugenommen, weil oft Ställe und Scheunen in Wohnflächen umgewandelt worden sind. Die Häuser sind nicht mehr so voll mit Menschen. In jedem Haus wohnt nur noch eine Generation, ganz selten zwei.  Junge Leute sind weggezogen und haben ihre Familien dort gegründet.  Die Kinderzahl in den Familien hat stark abgenommen hat.  Kinder sind deshalb im Ort kaum noch zu sehen.  Auch, weil es im Dorf keine Schule mehr gibt. Es gibt schon eine ganze Reihe alter leerstehender Häuser, aber auch  alte Häuser, die von Städtern in Ferienhäuser umgewandelt worden sind. Früher kamen nur neue Leute nach Röhl, die in eine Familie eingeheiratet haben. Heute wohnen auch Ortsfremde in Röhl, die hier Häuser gebaut haben.  (z.B. Luxemburger, die hier ein Grundstück gekauft haben und sich ein Haus gebaut haben, weil es hier für sie bezahlbar ist.) Früher gab es ein großes Gefühl von Zusammengehörigkeit. Heute lebt jeder für sich. Man ist nicht mehr auf den Anderen angewiesen. Es  gibt keine  Abhängigkeiten zwischen den Leuten, wenig Gelegenheiten, sich zu treffen. Heute fährt man in Geschäfte außerhalb. Im Dorf waren immer Leute unterwegs.  Heute sind die Straßen oft menschenleer. Heute gibt es fast in jedem Haushalt ein Auto.

Mit andern zusammen kommt man eigentlich nur, wenn man in die Kirche geht. Zum Gottesdienst kommen auch weniger. Früher hat einem der Pfarrer Angst gemacht. Sah man ihn kommen, ist man ihm aus dem Weg gegangen. Wenn mich der Pfarrer als Kind etwas gefragt hat, war ich vor lauter Aufregung schon blockiert,  konnte  nicht mehr denken.


3. Zürich

Von 1958 bis 1959 habe ich etwas mehr als ein Jahr in einer kleinen Druckerei in Zürich als Buchdrucker gearbeitet. Neben mir gab es noch einen Schriftsetzer, einen Rätoromanen. Eines Morgens erzählte er mir, dass er zum ersten Mal nicht in seiner Sprache, sondern in Deutsch geträumt hätte. Der Eigentümer der Druckerei kümmerte sich um Aufträge und konnte, wenn nötig auch als Setzer, Drucker und Buchbinder arbeiten. Mit ihm machte es Spaß, über Politik zu diskutieren. Er war reaktionär und ein Antisemit. Damals war man erst mit 21 volljährig. Deshalb wurde mir in der Schweiz keine Lohnsteuer abgezogen, nur der Rentenbeitrag. Dafür erhalte ich heute eine kleine Altersrente aus der Schweiz. Krankenversichert war ich über die Druckergewerkschaft.

Die ersten Wochen wohnte ich in der Jugendherberge in Zürich. Von hier aus habe ich den Arbeitsplatz und ein möbliertes Zimmer gesucht und mich angemeldet. Hier traf ich Schweizer, die Kontakt zu Ausländern suchten. Einer hat mich für eine privat organisierte Wandergruppe geworben mit Mitgliedern aus vielen europäischen Ländern. Da wurde ich Mitglied. Fast an jedem Wochenende fuhren wir mit der Eisenbahn in die Berge. Üblicherweise in eine Jugendherberge, für die einer im Tal einen Schlüssel holen musste und die andern tröpfelten dann nach und nach oben ein. In der Regel sind wir auf einen Berg gestiegen und wenn es regnete, haben wir Wanderlieder gesungen, manchmal ein ganzes Wochenende.

1959 bin ich auf eine Tramptour nach Südfrankreich, Spanien, Portugal und Marokko gegangen. Meine Schweizer Freundin Claudine wollte mitfahren, das wollte ich aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen aber nicht. Das hat sie mir zurecht übel genommen und wollte nichts mehr von mir wissen. 1959 war der Befreiungskrieg der Algerier von Frankreich. Da ich wie ein Algerier aussah, bin ich ständig von französischen Polizisten kontrolliert worden. In den Jugendherbergen waren viele Tramper wie ich. Zwischen denen gab es einen Austausch in allen für uns wichtigen Fragen. Von Perpignan an der spanisch-französischen Grenze wollte ich in vielen Etappen nach Madrid fahren. Der erste Fahrer, der anhielt fuhr nach Madrid. So bin ich dann in einem Rutsch dahin gefahren. Einerseits war das gut, andererseits auch schade, weil ich Zeit hatte und mir einzelne Orte ansehen wollte.

Von Madrid nach Lissabon war es genau umgekehrt, eigentlich schöner: wenig Verkehr, wenige fuhren weite Strecken, manchmal bin ich mit Bauern im Pferdewagen gefahren. Nachts habe ich meistens draußen geschlafen.

Als ich in Marokko in der Stadt Fez war, war eine Epidemie ausgebrochen. Wer in der Stadt war, musste drin bleiben. Ich wurde auch etwas krank. Nach einer Woche wurde die Ursache der Probleme bekannt: In gutes Öl war schlechtes gemischt worden. Da war ich sehr erleichtert.

Auf der Rückfahrt im Oktober nahm mich ein junger Mann aus Kassel zwei Wochen mit durch Südfrankreich. Anders als ich, hatte er sich auf die Reise gut vorbereitet. Ihm fehlte ein Gefährte. Wir waren unter anderem in Avignon, auf dem Mont Ventoux, in der Camargue. Nachts schliefen wir in seinem Zelt. Wir waren Freunde geworden. Leider pflegte ich so etwas nicht, weil ich zu viele Leute kennengelernt hatte.

1960 bin ich mit einem früheren Arbeitskollegen durch Jugoslawien und Griechenland bis nach Athen getrampt. Viele Erinnerungen habe ich an diese Reise (kleine Auswahl):
Ein LKW-Fahrer hatte uns von Zagreb mitgenommen. Er machte Umwege, um uns das neue Jugoslawien zu zeigen, unter anderem einen neuangelegten Stausee. Er war ganz stolz darauf.
In Griechenland war die Gastfreundschaft vor allem auf dem Land ganz außergewöhnlich.

Den Rest der Fahrt durch die Türkei, Syrien, Libanon, Jordanien und Israel bin ich alleine getrampt.
In Ankara war ich mal ein paar Tage ohne Geld. Da hab ich angefangen, einzelne Sachen aus meinem Rucksack zu verkaufen. Mit meinen Eltern hatte ich ausgemacht, dass sie mir hierher in einem Wertbrief Geld von meinen Ersparnissen aus der Arbeit in der Schweiz schicken sollten.
Die libanesische und die syrische Grenzstation lagen weit auseinander. Dazwischen waren Hirten, die auf ihren Flöten total romantische Musik machten. Ganz unangenehm fand ich die Fliegen, die aussahen wie Stubenfliegen. Im selben Moment wie sie sich auf der Haut niedergelassen hatten, bissen sie einen schon.
An der jordanischen Grenzstation sah sich ein Beamter den Inhalt meines Rucksacks etwas genauer an, sah meinen Kalender, in dem eine Adresse aus Haifa war. Der Grenzer: „Du willst nach Israel, du bist Jude, wir lassen dich nicht nach Jordanien“. Wie darauf reagieren? „Ich kann beweisen, dass ich kein Jude bin, ich bin nicht beschnitten.“ Schließlich fanden sie einen älteren Kollegen, der sich meinen Penis ansah. So ließen sie mich weiter gehen.

In Israel wollte ich in einem Kibbutz arbeiten. Ich habe mich in mehreren vorgestellt. Eigentlich brachten sie immer ein plausibles Argument gegen eine Beschäftigung vor: Aus Sicherheitsgründen hätte ich das von Deutschland aus schriftlich machen müssen. Schließlich kam ich für zwei Monate in einen Kibbutz in der Nähe des Gaza-Streifens. Hier gab es große Felder mit Baumwolle, einige Tage war ich Baumwollpflücker. Für die zweite Ernte wurde auf einem riesigen Feld mehrere Tage Zuckerrübensamen ausgesät. Ein junger Israeli fuhr den Traktor, meine Aufgabe war aufzupassen, ob der Samen frei fiel. Die Besonderheit dieses Kibbutzes war die Züchtung von Blumenzwiebeln. Ursprünglich war dieser Kibbutz von Nürnberger Juden gegründet worden.
Sie erzählten mir, wie ihre Gemeinschaft entstanden war. Auch damals wurde das Essen zu allen Tageszeiten im gemeinsamen Speisesaal eingenommen. Dort traf man sich auch, um die Arbeit des nächsten Tages zu besprechen.

Zurück bin ich mit dem Schiff in die Türkei gefahren, weiter getrampt, über Bulgarien, Jugoslawien, Österreich und die Schweiz.


4. Berlin

Seit Januar 1961 wohnte ich in Westberlin, zuerst bei Leuten zur Untermiete in der Lutherstraße, der Rosenheimer Straße und der Stübbenstraße. Gearbeitet habe ich in einer Druckerei in der Lüzowstraße.

Im Sommer wollte ich nochmal eine lange Reise machen, diesmal in die skandinavischen Länder. Bin durch Norwegen bis Hammerfest getrampt, dabei habe ich die Mitternachtssonne und die Tage ohne Dunkelheit erlebt. Weiter bin ich zum Inari-See in Finnland. Von dort wollte ich nach Schweden wandern. Ich war schon eine Woche gewandert, war bei den Goldgräbern am Lemenjoki. Zum Essen hatte ich nur Haferflocken mitgenommen. Das reichte, weil es unglaublich viele und große Heidelbeeren gab. Dann kam der 13. August 1961. „Das gibt Krieg“, war die Meinung der Leute hier. Bin dann innerhalb von ein paar Wochen zurück getrampt.

Seit 1962 hatte ich eine eigene Wohnung in der Kurfürstenstraße (auf der Schöneberger Seite zwischen Potsdamer Straße und dem Güterbahngelände) im 5. Stock im Seitenflügel, die Toilette war auf dem Hof, Miete 19,80 DM. In der Wohnung habe ich sieben Jahre gewohnt. Bei der Renovierung bin ich in die Fußstapfen meines Vaters getreten. Der erste Anstrich blätterte schon Tage später ab… Niemand kontrollierte mich, so habe ich viel gelernt, selbst Elektroleitungen habe ich verlegt.

Ich habe in der SPD und bei den Falken in Schöneberg mitgearbeitet. Ich war Kreisdelegierter der Schöneberger SPD. Bei der Bezirksbürgermeisterwahl hat mich einer, der als SPD-Kandidat von den Kreisdelegierten gewählt werden wollte, zu einem Gespräch eingeladen. Er fragte mich, ob ich als Schüler des Berlinkollegs mit meinem Geld auskommen würde. Er bot an, mir einen Studentenjob bei der Bewag zu besorgen, wenn ich ihn bei der Wahl unterstützen würde.

Auf einer Veranstaltung der Kreisdelegierten sprach Egon Bahr zum Thema „Wandel durch Annäherung“. Ich habe mich in der Diskussion zu Wort gemeldet. Als ich am Rednerpult stand, war ich leer im Kopf. Ich muss wohl angenommen haben, wenn ich am Rednerpult stehe, fällt mir schon etwas ein. Der Versammlungsleiter hatte wohl Mitleid mit mir, nahm mich von sich aus noch mal dran, ich brachte wieder nichts raus. Das hat mich Monate lang belastet. Das war für mich eine Lehre: Von da an habe ich mich immer vorbereitet, wenn ich auf einer Veranstaltung was sagen wollte.

Bei den Schöneberger Falken gab es eine Gruppe für ältere Jugendliche und Erwachsene, die sich mit Themen aus einer radikal linken Sicht beschäftigt haben. Hier hielt Rudi Dutschke schon 1962 einen Vortrag.
Eine andere Gruppe bei den Falken, darunter war ein Schriftsetzer und ich als Drucker, kaufte eine kleine handbetriebene Druckmaschine und andere Werkzeuge, die man für die Herstellung einer Zeitschrift benötigte. Damit haben wir die oppositionelle Falken-Zeitschrift „radikal“ hergestellt. Anfangs schrieben wir alle Artikel selber.

Seit 1963 war ich am Berlinkolleg, in 2 ½ Jahren habe ich Abitur gemacht. Seit Wintersemester 1965 habe ich Volkswirtschaftslehre an der FU studiert. Die ersten Semester war ich fleißig, dann begann die Studentenrevolte. 1967 war ich als ASTA-Mitglied für Finanzen gewählt worden. Der Haushalt des ASTA umfasste ca. 2 Millionen DM. In diesen Jahren hatte die Buchhaltung keinen besonders hohen Rang unter den Aufgaben des ASTA. Mein Vorgänger hatte mir eine total chaotische Buchführung hinterlassen. Ich hatte zwar Buchführung gelernt, aber nicht wie man in so einer Situation verfährt. Am Ende hatte ich ein Erfolgserlebnis, die andern ASTA-Mitglieder waren mit meiner Arbeit zufrieden und eine vom Abgeordnetenhaus eingesetzte Kommission zur Kontrolle der ASTA-Finanzen und der ASTA-Buchhaltung erhob keinen einzigen Einwand.

Im Juli und August 1968 war ich mit einer Gruppe von vier FU-Studenten in Prag. Wir hatten in einem Seminar ein Referat über die Wirtschaftsreformen in der der CSSR übernommen. Mit einer der Vieren, Barbara, lebe ich seit der Zeit zusammen, irgendwann haben wir geheiratet und haben einen Sohn zusammen. Nächstes Jahr ist Goldene Hochzeit, wenn es um die Zeit des Zusammenlebens geht.

Am Morgen des 21. August weckten uns unsere Wirtsleute in Prag mit „Österreich-Ungarn ist einmarschiert“. Da sie wenig Deutsch sprachen, holten sie uns an ihr Radio. In vielen Sprachen wurde eine TASS-Meldung verbreitet: „Von wichtigen Mitgliedern des ZK sind die Bruderländer gebeten worden einzuschreiten, um das Abgleiten der CSSR in den Kapitalismus zu verhindern.“ Beeindruckend war, wie die Prager vor allem die Soldaten der Roten Armee davon überzeugen wollten, dass die Wirtschaftsreformen auch im Interesse der andern sozialistischen Länder sein würden. Der politische Einfluss auf die Wirtschaft sollte eingeschränkt werden und die Beschäftigten in den Betrieben sollten mehr Mitspracherechte bekommen. Die Prager waren sehr aktiv, aber gegen so eine Übermacht hatten sie keine Chance.

Worum ging es in der Studentenrevolte? Wichtige Themen der Auseinandersetzung unter den Studenten und der linken Studenten in die Gesellschaft hinein waren die beabsichtigten Notstandsgesetze, der Krieg der Amerikaner in Vietnam, die verkrusteten Gesellschaftsstrukturen in Deutschland der 60er Jahre, die mangelnde Beschäftigung mit der Nazi-Vergangenheit, die Bürgerrechtsbewegung in den USA zur Gleichstellung der Schwarzen.

Diskutiert wurden typisch linke Fragen. Wer ist das revolutionäre Subjekt der sozialistischen Revolution? Marx hatte dafür die Arbeiterklasse entdeckt, Lenin Berufsrevolutionäre, Mao Tsetung, die chinesischen Bauern, Rudi Dutschke meinte, die Arbeiterklasse sei so manipuliert, dass sie für sozialistische Politik nicht mehr ansprechbar wäre. Für ihn waren die Studenten, Intellektuellen und Randgruppen das revolutionäre Subjekt.

An solchen Fragen entzündete sich ein Kampf um die richtige Linie und führte zu einer großen Zersplitterung der Studentenbewegung. Kommunistische Gruppen, die sich an der SED, an den Kommunisten Chinas, Nordkoreas, Albaniens, Kubas anlehnten. Trotzkistische Gruppen und anarchistische gab es schon länger. Es gab linke Gewerkschafter, die sich im Sozialistischen Büro organisierten. Einige Studenten hörten auf zu studieren und begannen in einem Betrieb zu arbeiten, um so die Revolution voranzutreiben. Ich fühlte mich eher einer ökologisch orientierten Alternativkultur zugehörig.

In diesen Jahren habe ich formell wenig studiert. Ich war in selbstorganisierten Gruppen und in Veranstaltungen der linken Studenten. In so einem Rahmen haben wir über mehrere Jahre die drei Bände des Kapitals von Marx durchgearbeitet. Solche Lesezirkel haben mich durch mein ganzes Leben begleitet. Jetzt bin ich auch schon wieder in einem.

Ich war in eine andere Welt geraten: Junge Leute, die diszipliniert wissenschaftlich arbeiten konnten, die Klarheit in ihren Gedanken hatten, druckreif redeten. Das beindruckte mich total, weil ich das nicht konnte.

Viele hassten ihre Väter, weil sie engagierte Nazis waren oder weil sie sich rausredeten: „hätten nichts gewusst“, „was hätten sie tun sollen“, „hätten niemanden getötet, immer vorbei geschossen“. Alle wollten, dass endlich Schluss mit dem Gerede über die NS-Vergangenheit und ihre Bewältigung gemacht werden soll. Hier ist es zu einer Änderung der Haltung der Deutschen gekommen, dazu hat auch die Studentenrevolte beigetragen.

Wie habe ich das Studium finanziert? Am Berlinkolleg bekam ich ein Stipendium von der Gewerkschaftsstiftung. Während der ersten Hälfte meiner Studentenzeit bekam ich ein Stipendium nach dem Honeffer Modell. Für Kinder, deren Eltern zu den Geringverdienern zählten. In der anderen Hälfte hatte ich einen relativ gut bezahlten Job als Tutor in Statistik.

Ein paar Jahre lebte ich in der Wohngemeinschaft meiner Frau (Augsburger/Ecke Nürnberger Straße). Als wir geheiratet hatten, bekamen wir eine Wohnung am Innsbrucker Platz.


5. Darmstadt

Irgendwie sind wir nach Darmstadt geraten. 1971 machte meine Frau ihr Examen in Soziologie. Sie hat sich für mehrere Stellen beworben. Ab 1972 arbeitete sie als Dozentin an der Fachhochschule Darmstadt.

Ich war, obwohl ich im 14. Semester studiert habe, noch nicht auf ein Examen eingestellt. Zum Glück hatte ich zur rechten Zeit Freunde, die mich zum Examen gedrängt haben. So habe ich ein Jahr nach ihr mein Examen in Volkswirtschaftslehre gemacht. Ende 1973 bekam ich eine Stelle als Referendar und später als Lehrer an der Martin-Behaim-Schule, einer kaufmännischen Berufsschule, in Darmstadt. Ich habe vor allem in Industriekaufleute-Klassen und in einer Schulform der kaufmännischen Weiterbildung unterrichtet. Die Arbeitsteilung war an dieser Schule gut gelöst: in der Berufsschule nach Berufen von Deutsch über Informatik bis zu den wirtschaftlichen Fächern, in der Weiterbildung hatte ich mich auf Volkswirtschaftslehre und Personalwesen spezialisiert. Bei den Industriekaufleuten war es so, dass von fünf Jahrgangsklassen drei Klassen aus Abiturienten bestanden. Für die Weiterbildung war Voraussetzung ein kaufmännischer Abschluss. In der Regel habe ich Erwachsene unterrichtet. Bis 2005, also 32 Jahre, war ich an dieser Schule.

Neben der Arbeit als Lehrer war ich aktiv in linksalternativen Gruppen und Bürgerinitiativen. Wir haben eine ÖKOOP gegründet. Damals gab es noch keine Bio-Produkte zu kaufen. Deshalb haben wir Produkte nach ökologischen Kriterien gemeinsam gekauft. 1980 trat ich den GRÜNEN bei. 1985 kandidierten wir zum ersten Mal für die Stadtverordnetenversammlung, auf Anhieb bekamen wir fast 10% der Stimmen. Vier Parteien waren im lokalen Parlament. Drei von denen bildeten eine Koalition gegen die GRÜNEN. Alles hatten sie abgesprochen. Wenn der GRÜNE keine Fragen oder Vorschläge zu den Tagesordnungspunkten hatte, aus denen sich dann eine Diskussion entwickelte, war die Sitzung in 5 Minuten zu Ende. Vier Jahre später hatten wir uns verdoppelt, nochmal vier Jahre weiter hatten die GRÜNEN 25,6%, es gab drei fast gleich große Parteien im Parlament: SPD, CDU, GRÜNE. Es gab verschiedene rot-grüne Koalitionen und jetzt eine grün-schwarze. Seit 2012 gibt es in Darmstadt einen grünen Oberbürgermeister, der vor einem Monat im ersten Wahlgang wiedergewählt worden ist. Von 1989 bis 1996 war ich Fraktionsvorsitzender der GRÜNEN in Darmstadt. 1998 bin ich wegen der Zustimmung zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr aus der Partei ausgetreten.

Meine Frau war seit den 90er Jahren am Aufbau des Wohnprojekts „Wohnsinn“ in Darmstadt beteiligt. Von 2008 an bis 2016 wohnten wir in dem neu erbauten zweiten Gebäude dieser Wohnungsgenossenschaft. In zwei Hausgemeinschaften wohnen ungefähr 150 Personen in 75 Wohnungen. Die Genossenschaft ist ein selbstverwaltetes Projekt, möglichst viel soll von den Bewohnern selbst geschafft werden. Nur die Buchführung wird nach außen vergeben und sehr wenig an Handwerksbetriebe.
Zwei Jahre war ich im Vorstand. Dann bin ich zurückgetreten und wir haben im Streit das Projekt verlassen. Wohin? Nur Berlin kam für uns in Frage: Hier kannten wir uns einigermaßen aus, hatten Freunde und unser Sohn lebt hier.

Solange ich Kommunalpolitiker war, hatte ich keine Lust und wenig Zeit größere Reisen zu machen. Mit Frau und Sohn mal ein paar Wochen nach England, Holland oder Belgien, mehr nicht. Mit meinem Sohn, als er zwischen 6 und 15 Jahre alt war, bin ich öfter in den Herbstferien nach Kreta, Ibiza, Mallorca und Elba gefahren.

All die Jahre in Darmstadt bin ich mit einem Freund fast jede Woche im angrenzenden Odenwald oder hessischem Ried gewandert. Beide Landschaften habe ich so gut kennen gelernt, auch schätzen gelernt, obwohl ich als ökologisch orientierter Mensch auch viele Probleme gesehen habe.

Seit 1995 bin ich wieder auf Fernreisen gegangen, erst nur in den großen Ferien und nach 2005 im Jahr mehrere Monate. Meistens bin ich nach Russland gefahren. Auf der ersten Reise dorthin habe ich im Ural Leute kennengelernt, die schnell gute Freunde wurden. Sie haben mich auf Bootswanderungen am Oberlauf von Nebenflüssen der großen sibirischen Flüsse mitgenommen. Anschließend an diese Bootswanderungen bin ich alleine in Sibirien in verschiedene Gegenden gefahren. Diese Russlandreisen mache ich mit Eisenbahn, Bus und im Sommer mit Schiff. Einmal war ich 3 ½ Monate unterwegs nach Vladivostok, auf der Rückfahrt bin ich zu dem Freund im Ural. Er nahm mich auf eine Dienstreise nach Magnitogorsk mit. Im dortigen Hüttenwerk konnte ich mich einer Betriebsführung anschließen. Danach sind wir mit anderen Freunden zusammen auf eine Bootswanderung gegangen. So ähnlich habe ich das oft gemacht.

Seit vier Jahren reise ich mit einem Freund und Dolmetscher. Über meine Reisen schreibe ich Reiseberichte. Es gäbe viel zu erzählen. Ein Beispiel will ich anführen.

Rundgang durch ein Tatarendorf am Rand von Tjumen.
Als wir zum Treffen kamen, standen ein Ehepaar und eine Frau da. Ich gab allen die Hand und sagte meinen Vornamen. Keiner der anderen Männer gab einer Frau die Hand, nur den Männern. Ich fragte nach. Die Antwort von allen war: "Hier macht man das so." Auch von den Frauen. Sie gaben niemandem die Hand und stellten sich nicht vor.

Arsen, der den Rundgang führte, erzählte uns am Anfang etwas über die Herkunft der sibirischen Tataren. (Es gibt noch Kasan- und die Krimtataren.) Viele waren mit der Goldenen Horde Dschingis Khans gekommen, als Söldner und als Freiwillige aus ganz unterschiedlichen Völkern. Sie vermischten sich mit Türken, die da schon länger lebten und mit den Ureinwohnern, den Mansi. Am Ende sprachen alle Tatarisch, eine Turksprache.
Arsen macht besondere Führungen. Er sagt nur das Wichtigste. Bisher waren immer Experten dabei oder man hatte Gelegenheit, sich über interessante Themen mit andern Teilnehmern zu unterhalten.

Das Ehepaar hatte im sibirischen Norden bei der Gasförderung gearbeitet. Sie konnten deshalb schon mit 55 Jahren in Rente gehen. Um in ihrer neuen Wohngegend vertraut zu werden, streiften sie überall umher. Sie stießen dabei an hohe undurchsichtige Blechzäune, um große Grundstücke herum. Sie: "Die reichen Leute müssen doch was zu verbergen haben und wollen ihr unrechtmäßig erworbenes Eigentum sichern."

Eine junge Frau sprach uns an, sie will ihren Traum verwirklichen, sie möchte jeden Quadratmeter der Welt erkunden. Sie sei aber nicht an Sehenswürdigkeiten interessiert, sondern an den Träumen und Gefühlen der Leute in den besuchten Ländern. Später fragte sie mich ernsthaft, ob ich ein Spion sei, weil ich fotografiert habe und in ein Heft schrieb.

Eine Frau erzählte von ihrer verstorbenen Mutter. Sie war als junge Frau im Krieg Zwangsarbeiterin in Deutschland. Sie war einer Bauernfamilie in Uelzen zugeteilt worden, sollte sich um die zwei kleinen Kinder der Familie kümmern und war neben dem Bauern die einzige Person, die Kühe melken konnte. Der größte Wunsch ihrer Mutter war, zu erfahren, was aus den Kindern geworden war. Jetzt wollte sie als Tochter diese Aufgabe übernehmen.

Ein alter Tatare, der mit uns ging, sprach immer wieder Leute in Tatarisch an, die er für Tataren hielt, aber sie antworteten in Russisch. Das enttäuschte ihn. Es war ja mal ein tatarisches Dorf gewesen und jetzt sprach wohl kaum noch jemand diese Sprache hier.

Am Wege hackten zwei Männer Holz. Sie hörten, dass wir nicht Russisch redeten. Sofort drängte es einen, etwas loszuwerden: "Mein Urgroßvater ist als Kulak zu vielen Jahren Lagerhaft im Norden Sibiriens verurteilt worden. Das nach der Revolution erhaltene Land ist ihm genommen worden. Die anschließende Verbannung verbrachte er in diesem Dorf. Wir als seine Enkel blieben hier.“ Einheimische wollen über so was nicht reden.

Damit wird man in Russland oft angesprochen.
Die Angst vor Spionen ist immer noch stark verbreitet.
Obwohl die russische Kultur eine europäische ist, stößt man auf anders geartete Traditionen, Gewohnheiten und Normen. Das macht solche Reisen für mich interessant.
Überall in Russland trifft man auf Menschen aus indigenen Völkern, deren Sprache am Aussterben ist.
Es gibt viele Erinnerungen an den stalinistischen Terror, von dem zunächst die Verurteilten, die „Volksfeinde“, betroffen waren, aber auch deren Frauen und Kinder hatten es schwer. Und wie ist es heute für die Einzelnen und die Familienangehörigen aus der Riesenarmee der Justizangehörigen und des Wachpersonals?
Und es gibt Erinnerungen an den 2.Weltkrieg, wo Angehörige gefallen sind, als Kriegsgefangene ermordet wurden. Andere waren als Zwangsarbeiter in Deutschland und als sie nach dem Krieg zurückkamen, wurden sie zum Teil zu sowjetischer Zwangsarbeit verurteilt.