Mittwoch, 29. November 2017

42. Erzählcafé im Körnerkiez

Donnerstag, 23. November 2017

Paul Schwingenschlögl, Musiker

Seine Geschichte erscheint im Lauf des Dezembers 2017

41. Erzählcafé im Körnerkiez

Donnerstag, 9. November 2017

Lydia Reining - In Gottes Hand

Lydia Reining spricht aus eigener Erfahrung, wenn es um „Kinderarbeit“ geht. Sie ist Musikerin und wird ihre Biografische Erzählung musikalisch begleiten. Lydia erscheint eine Stunde früher im Leuchtturm, um sich einzusingen. Während ich mit den Vorbereitungen beschäftigt bin, vernehme ich ihre warme Stimme. Wie geschaffen für diese Lieder, denke ich, als sie „Sind so kleine Hände“  anstimmt.

Lydia Reining stammt aus Nordrhein-Westfalen. 1957 wird sie in Gütersloh geboren, wo sie mit vier Geschwistern aufwächst. Der Vater betreibt als Werkzeugmacher eine kleine Fabrik, während die Mutter zunächst im Abstand von zwei Jahren ihre fünf Kinder zur Welt bringt. Später arbeitet sie trotz des großen Haushalts im Betrieb mit. Lydia ist nach ihrem Bruder die Zweitälteste und hat drei jüngere Schwestern. Der Vater behandelt die Kinder streng. Er hat er seine Prinzipien, die nicht hinterfragt werden dürfen, und von allen Familienmitgliedern, aber auch von allen anderen Menschen, akzeptiert werden müssen. „Wenn er etwas wollte, mussten wir uns sputen. Wir hatten uns darauf eingerichtet und gaben meistens keine Widerworte“, sagt Lydia. Die Mutter ist das Gegenteil, liebevoll, den Kindern zugewandt und will ihnen alles geben, aber sie selbst ist überlastet.

Die Fabrik besteht aus einer großen Halle mit verschiedenen Werkbänken und drei Stanzmaschinen. Dort stellt der Vater Siebeinsätze für Volkswagen-Auspuffe und andere Stanzarbeiten her. Er macht alles allein. Arbeiter einzustellen kann er sich nicht leisten. So ist er froh, dass er seinen Sohn bald anlernen kann. Nach dem Schulunterricht soll er mitarbeiten. Ein Jahr später soll auch die neunjährige Lydia im Betrieb mithelfen. Zunächst muss sie alle zwei Wochen die Halle ausfegen. Dann zeigt ihr der Vater, wie eine der Stanz-Maschinen zu bedienen ist und setzt sie täglich nach der Schule dort ein. Das ist harte, anstrengende Arbeit. An der Maschine sind mehrere Arbeitsschritte nötig, die schnell hintereinander durchgeführt werden müssen. Oftmals sind Lydias Finger aufgeschürft von dem scharfkantigen Material. Je flotter sie arbeitet, desto schneller ist sie an der Maschine fertig. Aber dann müssen die Siebeinsätze in Bananenkartons gepackt und zum VW-Bulli geschleppt werden. „Das ging auf die Wirbelsäule und Gelenke und macht mir bis heute Probleme. Ich war ja noch nicht ausgewachsen“, erklärt Lydia.

Seit sie in der Fabrik arbeitet, hat Lydia folgenden Tagesablauf: Schulbesuch am Vormittag, dann ein schnelles Mittagessen, Umziehen, das heißt, die Schulkleidung mit der Arbeits-Jeans tauschen, in die Fabrik fahren und vier Stunden arbeiten. Wieder zu Hause ist an Entspannung nicht zu denken. Lydia muss helfen, Vater, Bruder und Geschwister mit dem Abendessen zu versorgen und danach abwaschen. Dann müssen Lieferscheine und Rechnungen ausgestellt werden. Lydia lernt sehr früh mit der Schreibmaschine zu schreiben und führt alle diese Arbeiten aus. Oft muss sie auch mit anfassen, um Fenster zu putzen, die Wäsche aufzuhängen oder sich um die kleinen Geschwister zu kümmern. Zu ihren Schularbeiten kommt sie selten. Am nächsten Tag pinnt sie die Aufgaben auf dem Schulklo von einer Klassenkameradin ab. Noch heute erscheint es ihr als ein Wunder, dass sie das Klassenziel immer erreichte und versetzt wurde. Trotzdem stellt der Vater auch Ansprüche an ihre schulischen Leistungen. Hat Lydia die Note Drei bekommen, sagt er: Warum ist es keine Zwei. Bei einer Eins minus bemängelt er, dass es keine Eins ist. Auch in den Ferien müssen die Kinder in der Fabrik arbeiten, den ganzen Tag lang. Für einen Urlaub mit der Familie gibt es kein Geld. Nur einmal verbringt Lydia mit ihren Eltern und dem Bruder zwei Wochen in Österreich. Zu dieser Zeit ist sie schon 14 Jahre alt.

Lydia beschreibt ihren Vater als Eigenbrötler, der oft unzufrieden ist. Wenn sie als Kinder gerade ein bestimmtes Programm im Fernsehen anschauen und der Vater etwas anderes sehen will, wird einfach umgeschaltet. „Für den Rest der Familie gab es kein Mitspracherecht.“ Das oftmals laute und aggressive Verhalten des Vaters macht den Kindern Angst. Indem er Lydia mit seinen Sorgen in der Firma konfrontiert, überfordert er das Mädchen. „Er hat seine Probleme bei mir abgeladen“, sagt Lydia. „Auch meine Mutter hat mir ihre Sorgen anvertraut, aber sie war wie eine Freundin für mich. Ich war damals sehr belastet und hatte selbst keine Vertrauensperson, der ich mich mitteilen konnte. Es gab wenig Zeit für tiefere Freundschaften.“

Nachts hat sie Albträume. Lydia ist inzwischen 11 Jahre alt und verzweifelt: Kann das Leben mit diesem Tyrann nicht einmal ein Ende haben? Sie fürchtet um ihre Mutter und die Geschwister. In der Schule versucht Lydia ihre Nöte zu überspielen. Wenn der Lehrer fragt, warum sie keine Schularbeiten gemacht hat, möchte sie am liebsten sagen: Ich hatte keine Zeit, ich muss doch arbeiten gehen! Aber sie weiß inzwischen, dass das Jugendamt davon nichts erfahren darf, andernfalls würde die Familie leiden müssen. Auch Verwandte und Nachbarn schauen weg und schweigen. „Vielleicht konnten sie sich gar nicht vorstellen, wie schlimm es für mich war“, sagt Lydia. Als sie ein Jahr später mitbekommt, dass manche Menschen mit Hilfe von Tabletten ihrem Leben ein Ende setzen, sieht sie darin für sich eine Lösung. Auf dem Nachttisch des Vaters liegt Aspirin. Sie nimmt fünf Tabletten ein, aber nichts passiert.

Wenn Lydia ab und zu ein paar Stunden frei hat, trifft sie sich mit einer Freundin. Sie trinken zusammen ihre erste Flasche Bier. Lydia merkt, dass der Alkohol sie beruhigt. Auch die ersten Joints haben eine entspannende Wirkung. Hier unterbricht Lydia ihren Bericht und singt „Sind so kleine Hände“. „Dieses Lied hat mich fast mein ganzes Leben begleitet, seit es Bettina Wegner veröffentlicht hat“, sagt Lydia und erzählt weiter, dass ab nun Alkohol und Drogen eine immer wichtigere Rolle in ihrem Leben spielen und sich „Traumtänzer-Gedanken“ einschleichen. Mit 15 nimmt sie auch härtere Stoffe zu sich.

Da die beiden älteren Kinder bald erwachsen sind, plant der Vater seinen Familienbetrieb zu professionalisieren. Lydias älterer Bruder hat eine Ausbildung als Werkzeugmacher zu absolvieren, und Lydia soll die Handelsschule besuchen. Die beiden fügen sich, obwohl der Bruder auch eigene Wünsche hat.

1974, Lydia ist 17 Jahre alt, trennt sich die Mutter vom Vater. Der Vater zieht aus. Zu Hause kehrt etwas Ruhe ein. Lydia hat sich immer gewünscht, mit der Mutter und den Geschwistern friedlich zusammenzuleben. Jetzt ist es endlich so weit. Die Handelsschule macht sie weiter, obwohl sie zu dieser Ausbildung keine Lust hat. Doch es ist eine private Schule, für die der Vater viel Geld zahlt. Diese jetzt abzubrechen bringt Lydia nicht fertig. Danach nimmt sie eine Arbeit in einem Büro im Stahlhandel an. Sie hat viel mit Zahlen zu tun. Das Geschäft mit Stahl gleicht etwa dem im Börsenhandel: ständig ändern sich die Preise. Man bietet Lydia eine Ausbildung zur Stahlfachverkäuferin an. Das obligatorische dritte Lehrjahr würde man ihr wegen ihres Abschlusses an der Handelsschule erlassen. Lydia lehnt ab: nicht noch mehr Metall. Es reicht ihr schon, wenn sie nur kurz das Lager betreten muss, um bestimmte Ordner zur Bearbeitung zu holen. Der Stahlgeruch erinnert sie an die furchtbare Arbeit an der väterlichen Stanzmaschine, zu der sie nie wieder zurückkehren will.

Trotz der freundlichen Atmosphäre mit der Mutter und den Geschwistern zu Hause, möchte Lydia auf eigenen Beinen stehen und ausziehen. Mit einer Freundin gründet sie eine Wohngemeinschaft und hat nun endlich ein eigenes Zimmer. Die Mutter unterstützt sie und schenkt ihr schöne, praktische Dinge für den neuen Haushalt. „Jetzt kann das Leben doch richtig losgehen, dachte ich damals“, sagt Lydia. „Doch es kam anders.“

Es vergehen drei Monate, als sie eines Morgens an ihrem Arbeitsplatz aufgefordert wird ins Besucherzimmer zu kommen. Jemand von der Firma Miele, bei der die Mutter seit einiger Zeit arbeitet, möchte sie sprechen. Lydia denkt an ihr Fahrrad, welches ein Arbeitskollege der Mutter für sie reparieren und zurückbringen wollte. Kaum hat Lydia den Besucher-Raum betreten, spürt sie, dass es sich um etwas anderes handeln müsse. Dort sitzt der Personalchef von Miele und bittet sie Platz zu nehmen. Er sagt, dass ihre Mutter bei der Arbeit verstorben ist und fordert sie auf, mit ins Krankenhaus zu kommen und den Leichnam im Sektionssaal zu identifizieren. Dort bietet sich ihr ein schrecklicher Anblick. Da liegt die Mutter halb angezogen auf einer Bahre. Eine Binde ist um das Kinn gewickelt. Seit ungefähr einer Stunde ist sie tot. Ja, das ist meine Mutter, sagt Lydia erstarrt. Der Arzt übergibt Lydia den Schmuck der Mutter und verabschiedet sich. „Da stand ich dann da. Es war der größte Schock meines Lebens“, sagt Lydia. „Dann musste alles geregelt werden. Ich war gerade 19 Jahre alt geworden. Meine Mutter starb mit 41 Jahren. Der Leichnam musste laut Staatsanwaltschaft obduziert werden. Es war ein Horrorgefühl für mich.“

Lydias wichtigste Aufgabe ist es nun, die Geschwister zu trösten. Das Jugendamt erlaubt, dass die drei älteren Kinder allein zusammen wohnen dürfen. Darum entschließt sich Lydia zu den beiden Geschwistern in die elterliche Wohnung zurückzuziehen. Lydia übernimmt die Verantwortung für sie und sorgt dafür, dass die Miete gezahlt wird. Der Bruder ist 21 Jahre alt und bei der Bundeswehr, die jüngere Schwester ist 17. Die beiden jüngsten Schwestern, 11 und 14 Jahre alt, schickt das Jugendamt in die Obhut ihrer Tante, der Zwillingsschwester der Mutter, die in der Pfalz lebt.

Lydia nimmt sich keine Zeit zum Trauern, aber nachts quälen sie die Albträume: Plötzlich erscheint die Mutter. Ich habe gedacht, du bist tot, sagt Lydia zu ihr und ist außer sich vor Wut, weil die Mutter die Familie einfach verlassen hat. Und sie bringt die Mutter um.

Am Tag geht Lydia arbeiten, abends betäubt sie ihren Schmerz mit Alkohol und Drogen. Sie geht auf viele Partys. Nach einigen Männerbekanntschaften wartet sie immer noch auf die eine, wahre Liebesbeziehung.

Sie trifft Michael, mit dem sie fünf Jahre zusammen ist. Er ist ihre Liebe, aber einen Halt kann er ihr nicht geben. Ihre innere Leere ist unerträglich, so dass sie ihrem Leben ein Ende setzen will. Sie hat sich Tabletten besorgt und wird sie einnehmen, wenn niemand zu Hause ist. Zum Sterben will sie sich noch draußen auf eine Bank setzen, um niemanden aus der Familie damit zu belasten, sie tot vorzufinden. Sie schluckt die Tabletten, bekommt noch mit, wie ihr Bruder mit dem Auto vorfährt, und wird bewusstlos. Sie stürzt, reißt den Flurspiegel von der Wand und schlägt blutend auf den Fußboden. Auf der Intensivstation wacht sie nach drei Tagen wieder auf.

Was war geschehen? Ihr Bruder kam unerwartet nach Hause und entdeckte Lydia. Er dachte, sie sei betrunken, deshalb trug er sie ziemlich wütend ins Bett. Einige Zeit später kam Lydias Freundin vorbei, die unbedingt mit ihr ein privates Problem besprechen wollte. Sie wunderte sich, dass Lydia überhaupt nicht reagiert, so dass sie den Bruder bat, den Krankenwagen zu rufen. In letzter Minute wurde Lydia ins Krankenhaus gebracht. Später klärte sich, dass Lydia nicht wusste, wie schnell diese Tabletten wirken.

„Ich habe mich nach Ruhe und Frieden gesehnt, die mir der Tod bringen sollte. Ich fand den Sinn des Lebens nicht. Aber ich habe überlebt“, sagt Lydia und singt: „Sag mir, wo die Blumen sind“.

Nach einigen Tagen wird Lydia aus dem Krankenhaus entlassen. Äußerlich ist sie wiederhergestellt, innerlich noch sehr krank. Aber sie holt sich keine professionelle Hilfe. Sie macht einfach weiter. Neben Alkohol- und Drogenexzessen befasst sie sich nun mit Esoterik, immer mit der Frage nach dem Jenseits, nach einem Gott, nach der unsichtbaren Welt. Sie ist katholisch erzogen worden. Sie selbst bezeichnet sich als „katholischer Namenschrist“ und will damit sagen, dass es nicht ihre Entscheidung war, den katholischen Glauben anzunehmen. Katholizismus bedeutet für sie: mit Verboten leben. Damit will sie nichts mehr zu tun haben. Es muss doch noch etwas anderes geben, als diesen Gott, der all das Leid in der Welt zulässt. Sie studiert Horoskope, legt Tarot-Karten, befasst sich mit Aurafotografie, beschwört die Geister mit dem Ouija-Brett, pendelt und versucht den Kontakt mit einer unsichtbaren Welt aufzunehmen, um „Antworten und Weisungen“ zu bekommen.

Dann beendet sie die Beziehung zu Michael. Und sie macht Schluss mit ihrem Job, Schluss mit „kaltem Stahl“ und der Büroarbeit. Sie sucht nach einem Stoff, der das Gegenteil von Metall ist und findet – Holz. Lydia lässt sich zur Tischlerin ausbilden und macht 1983 die Gesellenprüfung. Sie ist jetzt 26 Jahre alt und gehört zu den ersten Frauen in NRW, die Tischlerinnen geworden sind. Aber sie hat einen schweren Stand unter den Männern, die die ständige Anwesenheit von Frauen nicht gewöhnt sind. Die Männer machen grobe Scherze und eindeutige Angebote. Das neue Leben wirkt sich nicht positiv auf Lydias Seelenheil aus. Sie macht weiter wie bisher mit Partys und Drogen. In der Werkstatt fällt das nicht auf. Damals ist es durchaus üblich, bei der Arbeit zu rauchen und auch mal ein Bier zu trinken. Versuche, mit Männern eine Beziehung aufzubauen, scheitern immer wieder.

Endlich hat Lydia wieder einen Freund. Den mag sie wirklich. Von ihm wird sie schwanger, schneller, als ihr lieb ist. Sie befasst sich gerade mit den Abschlussarbeiten für ihr Gesellenstück. Weil die beiden Liebe zueinander empfinden und sich auf das Kind freuen, bleiben sie zusammen. Heiraten wollen sie später, wenn das Kind da ist, in einer kleinen Kapelle in Frankreich, ganz romantisch und nur zu dritt. Doch kurz vor der Niederkunft wird Lydias Freund zur Bundeswehr einberufen, deshalb verlegen sie die Hochzeit eilig vor. Schon vor Lydias Schwangerschaft erwarben sie ein ausgedientes Schulgebäude, das sie begannen zu modernisieren und auszubauen und bauten einen Handel mit Antiquitäten und gebrauchten Waschmaschinen auf. Die beiden haben viele Ideen und Pläne, die sie umsetzen und dabei sind sie handwerklich geschickt. Lydia glaubt, endlich jemand gefunden zu haben, bei dem sie sich auch mal fallenlassen kann. Aber es zeigt sich, dass nicht alles rund läuft. Ihr Mann, den sie als liebenswerten Chaoten bezeichnet, hat nicht mehr alles im Griff. Sie entdeckt, dass er selbst depressiv ist und ihm alles über den Kopf wächst. Nach sieben Jahren lassen sie sich scheiden. Von dem Wert der Immobilie bekommt Lydia nichts ab, sie war zu naiv, um sich abzusichern. Sie findet sich damit ab, weil sie im Interesse ihrer Tochter keinen Streit anfangen will. Die Tochter soll unbelastet mit ihrem Vater zusammen sein können. So haben Vater und Tochter bis heute ein gutes Verhältnis zueinander.

Lydia fällt in ihr altes Leben zurück. Davon soll ihre kleine Tochter nichts mitbekommen. Dann wird sie krank. Die Ärzte diagnostizieren eine Hüftkopfnekrose, durch Knocheninfarkte ausgelöstes Absterben des Hüftkopfs. „Wahrscheinlich ist das die Konsequenz des Drogen- und Tablettenkonsums“, meint sie. Die nun 35-Jährige bekommt ein künstliches Hüftgelenk. Kaum genesen erfährt Lydia, dass die jüngste Schwester drogenabhängig ist. Schuldgefühle, nach dem Tod der Mutter nicht genügend auf die Schwestern aufgepasst zu haben, plagen sie schwer. So holt sie ihre Schwester aus der Pfalz zurück zu sich nach Gütersloh und besorgt ihr einen Therapie-Platz mit anschließendem Aufenthalt in einer betreuten Wohngruppe. Das Mädchen erholt sich, aber Lydia geht es immer schlechter. Sie vertraut niemandem. Noch immer sucht sie nach der Liebe. Gute Freunde sagen: Du musst an dich denken und härter werden, nicht alles an dich ‘ranlassen.
Das nächste Lied: „Ermutigung...du lass dich nicht verhärten“ von Wolf Biermann

Als Lydia infolge ihrer Depressionen sieben Tage lang keinen Schlaf findet, lässt sie sich in die Psychiatrie einweisen. Doch was die Ärzte ihr sagen, kommt bei ihr nicht an. Sie glaubt, das meiste selbst durchdacht zu haben, und so kann man ihr dort nicht helfen. Nach außen setzt sie eine Maske auf, im Inneren hat sie kapituliert. Die Vorstellung, ihrem Leben endgültig ein Ende zu setzen, beherrscht sie völlig.

Eines Tages sitzt sie wieder mit diesen schweren Gedanken auf einer Bank am Spielplatz und schaut ihrer achtjährigen Tochter zu, als eine jüngere Frau sie anspricht: „Sie sehen so traurig aus, geht es Ihnen nicht gut? – Nee. – Haben Sie es schon einmal mit Gott probiert? In Bielefeld startet heute eine Evangelisation. Ich lade Sie ein. Kommen Sie doch einmal mit. – Lydia kann am Abend ihre Tochter bei Freunden unterbringen und lässt sich abholen. Bielefeld ist 15 Kilometer von Gütersloh entfernt. Als sie sich dem Veranstaltungsort nähern, stutzt sie. Das ist doch keine Kirche, sondern ein schlichtes Bürogebäude! Lydia hat die prunkvollen katholischen Kirchen im Gedächtnis. Die Kanzel ist ein Stehpult, an Stelle der Orgel stehen dort Schlagzeug, Keyboard und Gitarre. Der Prediger trägt einen Anzug, und die Predigt ähnelt eher einem biblischen Vortrag, gespickt mit Witz und Weisheit. Dort erfährt sie zum ersten Mal, warum Jesus am Kreuz gestorben ist: Weil er die Menschen bedingungslos liebt. Er hat sich für die Menschen geopfert und ihnen die Last ihrer Schuld genommen. „Dieser Gedanke ist tief in mein Herz gedrungen“, sagt Lydia. „Ich war überwältigt und musste lange weinen. Dann habe ich gesagt, mit diesem Jesus will ich es probieren.“

Zwei Gemeindefrauen helfen Lydia, ihr Leben neu zu ordnen. Sie sagen, Lydia könne alle Last vor dem Kreuz ablegen, Gott werde ihr ein neues Herz schenken. „Das will ich“, sagt sie. Lydia geht mit ihnen ihr Leben durch, spürt ein letztes Mal die Verletzungen auf und erkennt auch ihre Schuld. „Ich konnte alles in den Rucksack meines Lebens packen und ihn in Gottes Hand legen. Mein Herz wurde geheilt.“ Dass das wahr ist, bemerkt sie, als sie nach vier Jahren Funkstille ihren sterbenden Vater im Krankenhaus besucht. Sie kann ihm sagen: Papa ich vergebe dir, vergib mir ebenfalls. „Bis heute hab’ ich diesen Frieden in meinem Herzen, den nur Gott mir schenken kann“, sagt Lydia. Auch ihrem Ehemann kann sie vergeben. Auf einmal hat sie Verständnis für die beiden. Ihr Vater hat es besonders schwer gehabt im Leben. Er wuchs im Krieg auf. Seine Mutter, Lydias Großmutter, war sehr streng zu ihm und bestrafte ihn bei den kleinsten Vergehen unverhältnismäßig hart. Und deren Mutter wiederum musste in einem Kinderheim ohne die fürsorgliche Liebe von Eltern aufwachsen.

Seit diesem Erlebnis, das mehr als zwanzig Jahre her ist, liest Lydia in der Bibel. „In Gottes Hand, mit seinem Frieden wurde mein Leben wieder lebenswert“, bemerkt sie. Lydia ist musikalisch und hat sich schon in jungen Jahren das Klavier- und Gitarre Spielen selbst beigebracht. Nach ihrer Genesung musiziert sie mit neuer Kraft in Krankenhäusern, Altenheimen und Gefängnissen „ehrenamtlich für Gott“. Bis heute singt, textet und komponiert sie. Von der Alkohol- und Drogensucht ist sie befreit. Auch ihre jüngste Schwester hat den Weg zu Gott gefunden. Vor acht Jahren ist Lydia nach Berlin gezogen, weil sie ihrer alleinerziehenden Tochter zur Seite stehen will. Sie wohnt in der Neuköllner Emser Straße und ist mit den umliegenden Künstlerkreisen gut vernetzt. Lydia bezieht eine kleine Rente. Da die Mieten leider ständig steigen und sie gern weiter im „geliebten Kiez“ wohnen möchte, wünscht sie sich ein Band-Projekt für Auftritte. Jetzt sucht sie interessierte Musiker*innen.

Lydia trägt weitere Lieder vor:
„Wir tragen viele Masken und suchen 1000 Sonnen“
„Ich schaue der Wahrheit ins Auge und stelle mich in dein Licht“ 
„Hab Dank vom Herzen“

„Güld’ne Abendsonne, Abglanz schöner Herrlichkeit“

40. Erzählcafé im Körnerkiez

Donnerstag, 26. Oktober 2017

Herbert Witzel, Verleger

Seine Geschichte erscheint im Lauf des Dezembers 2017

Montag, 23. Oktober 2017

39. Erzählcafé im Körnerkiez

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Bettina Stahn, Ethnologin

Ihre Geschichte wird im Lauf des Dezember 2017 veröffentlicht.

38. Erzählcafé im Körnerkiez

Donnerstag, 28. September 2017


Bernhard Thieß: Der (Halb-)Weltumsegler

Bernhard Thieß ist Chef des „Neuköllner Leuchtturms“. Das ist das Mietshaus in der Emser Straße 117, in dessen Erdgeschoss unser Erzählcafé stattfindet. 2006 ließ er auf die Fassade einen Leuchtturm malen, um auf seine Weise zu zeigen, dass sich „ab jetzt“ im vernachlässigten Neukölln etwas ändern wird. Das beschloss er gemeinsam mit anderen, die dazu beizutragen wollten, das Leben dort wieder erträglicher zu machen. Schließlich stammt er aus diesem Kiez. Der Leuchtturm symbolisiert aber auch einen besonderen Abschnitt in seinem Leben. Über diesen und andere Abenteuer berichtet Bernhard Thieß  gelassen und pragmatisch.


Es ist noch Krieg, als Bernhard am 27. Mai 1944 in Bad Landeck auf die Welt kommt. Bomben fallen auf Berlin, die Mütter wurden vorübergehend zur Geburt nach Schlesien gebracht, und wer nicht in die deutschen Ostgebiete evakuiert wurde, verbringt die Nächte im Luftschutzkeller. Am 2. Februar 1945 wird auch das Mietshaus in der Kreuzberger Pücklerstraße 23 dem Erdboden gleichgemacht. Dort wohnte Familie Thieß. Nun sie ist „ausgebombt“, wie man sagt. Bernhard und seine Mutter finden Unterschlupf bei Onkel Max, dem Bruder der Vaters, der in Britz eine Laube bewohnt. Doch schon am 1. Juli 1945 können die beiden eine Wohnung in der Emser Straße 25, Neukölln, beziehen – mit dem Vater, der aus dem Krieg heimgekehrt ist. Dem Mietshaus fehlt der Seitenflügel; und das angrenzende Gebäude ist nur noch ein Trümmerhaufen. So lebt die Familie im 4. Obergeschoss einer Teilruine. Die Tür ihrer Nachbarwohnung führt direkt in den Abgrund. Das Treppenhaus hat ein provisorisches Notdach erhalten, und die Familie nutzt diesen provisorischen Dachraum als Abstellkammer. Auf dem benachbarten Trümmergrundstück spielen die Kinder und machen aufregende Erkundungen. Eigentlich ist es verboten, das Gelände zu betreten, aber die Kinder tun es heimlich. Bernhard erinnert sich noch an einen Spielkameraden, dessen Vater besonders streng war. Beim kleinsten Vergehen wurde er von seinem Vater mit einer ledernen Peitsche, dem Siebenstriem, verprügelt. „Das kann ich bis heute nicht vergessen“, sagt Bernhard, dessen Vater zwar auch Gehorsam verlangte, ihn aber nicht körperlich züchtigte.

Bernhard besucht die Grundschule in der Jonasstraße. Die Kinder werden in Schichten unterrichtet, im Winter sind die Klassenräume notdürftig geheizt. „Aber das hat uns alles nicht gestört.“ In der Oberschule am Britzer Damm macht Bernhard die Mittlere Reife. In diesem alten Gebäude sind zwei Schulen auf engstem Raum untergebracht, später wird in der Parchimer Allee eine neue Schule gebaut.

Familie Thieß kann inzwischen eine bessere Wohnung beziehen, sogar mit Bad und Kohlebadeofen.  Sie liegt im selben Haus, nur zwei Stockwerke tiefer. 1951 gründet der Vater, von Beruf Tischler, in der Siegfriedstraße die Tischlerei Franz Thieß. Die Werkstatt befindet sich in einem ehemaligen Kuhstall, die er von einem alten Tischlermeister übernommen hat. „Bis in die 1959er-Jahre hinein gab es in Neukölln noch Kuhställe, wo man Milch kaufen konnte. In unserer Werkstatt fanden sich noch die offene Rinne und die Halterungen für die Kühe. Für große Umbaumaßnahmen fehlte das Geld, deshalb blieb alles so, wie es war“, erklärt Bernhard. Im Vorderhaus mietet der Vater weitere Räume für das Büro an, wo die Mutter die Buchhaltung und die Terminorganisation übernimmt. 1965 zieht die Familie in ein Haus, das neben der Werkstatt, in der Hermann- Ecke Siegfriedstraße liegt.

Als 1956 das Eisstadion an der Oderstraße eröffnet wird, lernt Bernhard dort Schlittschuhlaufen. Er bekommt Gleiter, die an die Schuhe angeschraubt werden müssen. „Richtige“ Schlittschuhe kaufen ihm seine Eltern, als er beginnt Eishockey zu spielen. Bis er 18 Jahre alt ist nimmt er regelmäßig an Mannschaftsspielen teil. Dann engagiert er sich als Schiedsrichter. Bei dieser verantwortungsvollen Aufgabe gerät er aber oft zwischen die Fronten. Bis zu Wettkämpfen in der zweiten Bundesliga wird er gerufen. Oft muss er weit fahren und kommt nach dem Spiel erst nachts nach Hause. Zehn Jahre lang bleibt er dabei, dann gibt es dringendere Verpflichtungen: Die Tischlerei braucht ihn.

Nach der Mittleren Reife macht Bernhard eine Lehre bei einer Tischlerei in der Sonnenallee und schließt sie mit der Gesellenprüfung ab. Seiner Mutter schwebt vor, dass Bernhard auf der Ingenieurschule studiert, um Bauleiter zu werden. Durch gute Kontakte zu den Bauherren würden dann bei der Tischlerei Thieß laufend neue Bauaufträge eingehen. Bernhard aber weiß, dass ihm die Theorie nicht liegt. Immerhin tut er seiner Mutter den Gefallen und absolviert ein Praktikum auf dem Bau. Dort fühlt er sich in seiner Abneigung bestätigt und beginnt viel lieber in der Tischlerei zu arbeiten. Neben ihm sind zwei weitere Gesellen beschäftigt. Als der Vater erkrankt, liegt die Arbeit auf den Schultern der drei Gesellen. 1964 stirbt der Vater mit nur 56 Jahren. Die Tischlerei aber darf nur von einem Tischlermeister weitergeführt werden. Bernhard besucht eine Meisterabendschule und legt nach zwei Jahren mit einer Sondererlaubnis die Meisterprüfung ab. Nun ist er Chef und mit 22 Jahren der jüngste Tischlermeister Berlins. „Oftmals hielten mich die Bauherren für den Lehrling, wenn ich zu einem Besprechungstermin auf der Baustelle erschien. Ich sah viel jünger aus, als ich wirklich war“, sagt Bernhard lachend.

1965 heiratet Bernhard; 1966 wird sein Sohn geboren. Es ist schwer eine Wohnung zu finden. Aber Bernhard hat Glück. Er kann mit seiner jungen Frau zunächst zur Untermiete in der Wohnung der Großmutter wohnen. Die Oma lebt in der Kienitzer Straße und zieht vorübergehend zu ihrem Lebenspartner. Wenig später wird für die Familie eine Wohnung in der Emser Straße 111 frei. Dort kommt 1969 die Tochter zur Welt. Die Zeiten aber haben sich geändert. Während Bernhard als Kind noch gefahrlos auf der Straße spielen konnte, ist es nun wegen des zugenommenen Autoverkehrs nicht mehr möglich. Die nach den Kriegszerstörungen leer geräumten Grundstücke sind meistens wieder bebaut worden, aber Kinderspielplätze sind nicht entstanden. Bernhard will, dass seine Kinder frei aufwachsen können. Die Lösung ist ein Grundstück in Rudow, wo es noch Felder und Landwirtschaft gibt. Dort baut er für seine Familie ein Haus. Es ist ein Fertighaus. Keller und Dachgeschoss entstehen in Eigenarbeit. 1971 zieht die Familie ins Grüne, und die Kinder können eine unbeschwerte, geborgene Kindheit erleben.

Seit seiner Jugend ist Bernhard leidenschaftlicher Wassersportler. Doch als Familienvater und Tischlereibesitzer bleibt ihm wenig Zeit für sein Hobby. Früher, als die Grenze noch offen war, fuhr er im Sommer oft zum Seddinsee, wo sein Faltboot lag. Von seinem ersten Lehrlingsgehalt erstand er ein altes Segelboot für 25 DM (viel Geld für ihn). Es hatte zwar West-Berlinern gehört, lag aber in Schmöckwitz, einem Ortsteil in Ost-Berlin. 1961 wurde die Mauer gebaut, und Bernhard konnte sein Schiff nicht mehr benutzen. Er schenkte es seiner Ost-Berliner Cousine und versuchte es mit einem gebrauchten Ersatz-Boot in West-Berliner Gewässern.

1978 baut sich Bernhard ein großes Schiff, um damit auf der Ostsee zu segeln. Er kauft einen Rumpf und baut ihn mit einer Kajüte aus. Für West-Berliner ist es umständlich und zeitaufwendig ein Boot bis an die Ostsee zu transportieren. Man muss es durch die DDR schleppen lassen, für das man auf jedem Weg zwei Tage braucht. Aber Bernhard perfektioniert sich als Segler und legt die erforderlichen Prüfungen für den Segelschein ab. Seine routinierten und fehlerlosen Manöver in der praktischen Prüfung bewirken ein ungläubiges Staunen in den Gesichtern der Prüfer. Er muss alles wiederholen, um sie zu überzeugen, dass er nicht geblufft hat.

Einmal unternimmt Bernhard mit seinen inzwischen fast erwachsenen Kindern eine Segeltour im Mittelmeer rund um Korsika. Das Boot nehmen sie von Berlin aus auf einem Autoanhänger mit. Auf dem Rückweg, sie befinden sich gerade auf der Autobahn in der DDR, beginnt der Anhänger zu schlingern. Bernhard reagiert falsch, der Anhänger kippt um und bleibt auf der Fahrbahn liegen. Die Volkspolizei sperrt die Autobahn, und es dauert Stunden, bis ein Kran kommt, der das Boot wieder aufrichtet. Als sie am Grenzkontrollpunkt ankommen, werden sie von Soldaten mit Maschinengewehr im Anschlag eingekreist. Wo sind Sie so lange gewesen? wollen sie wissen. (Man musste in einer vorgeschrieben Maximalzeit den Transitweg durchquert haben, sonst gab es Ärger.) Zu Hause stellt Bernhard das unbrauchbar gewordene Schiff auf seinem Grundstück ab. Die Versicherung zahlt ihm eine kleine Entschädigung. In diese Zeit etwa fällt die Scheidung von seiner Frau.

1981 lernte er Karen-Kristina  kennen und schafft sich im Jahr darauf ein neues größeres Boot an. Seinen Liegeplatz hat es an der Ostsee. Mit Karen-Kristina unternimmt Bernhard in den nächsten Jahren größere Segeltörns. Sie segeln nach England, Schottland, durch den englischen Kanal. An der Irischen See geraten sie in einen Sturm, der das Boot beschädigt. Das Boot muss in Irland bleiben und dort repariert werden. Im kommenden Frühjahr, es ist April 1986, holen Bernhard und ein Freund das Schiff wieder ab. Als sie in Cuxhaven anlegen, empfangen sie die Meldung über die Explosion des Kernkraftwerks Tschernobyl. Dieses Ereignis ist ein Schock, der wohl für immer im Gedächtnis bleibt.

In der Tischlerei häuft sich die Arbeit. Angesichts der guten Auftragslage muss sich die Firma vergrößern und zieht 1989 in den Gewerbehof Niemetzstraße. Sein Sohn hat ebenfalls Tischler gelernt und arbeitet längst mit. Nach dessen Meisterprüfung im Jahr 1990 übernimmt er mehr Verantwortung. 1992 steigt die Tochter als gelernte Kauffrau ebenfalls in den Betrieb ein.

Der Zeitpunkt scheint gekommen zu sein an die eigenen Wünsche zu denken. Schon lange hat Bernhard davon geträumt die Welt zu umsegeln. Karen-Kristina wäre bereit ihn zu begleiten und bei ihrer Arbeit eine längere Auszeit zu beantragen. Viel versteht sie nicht vom Segeln, aber es gibt genügend andere Aufgaben: sie hilft beim Anlegen, führt das Reisetagebuch und sorgt für die Verpflegung. 1994, in seinem 50. Lebensjahr, kauft Bernhard einen englischen Katamaran, 11 Meter lang, fünf Meter breit. Es gibt genügend Platz für seine Frau und ihn, für die Fahrräder und den Proviant. Ein Beiboot mit Rettungsinsel gehört natürlich dazu sowie die notwendige technische Ausstattung wie Funkgeräte etc. Im September 1995 segeln sie durch den englischen Kanal, vorbei an Spanien, Portugal zu den Kanarischen Inseln. Im November, nach der Hurrikansaison, geht es weiter die klassische Passatroute über den Atlantik in die Karibik. Für diesen letzten Abschnitt werden sie drei Wochen brauchen. Die beiden sind aber nicht allein auf dem Meer. Per Funk sind sie mit einer Gemeinschaft von Fahrtenseglern verbunden, die im Rahmen einer Regatta dieselbe Route nehmen. Diese Gemeinschaft hat sie schon bei den Vorbereitungen unterstützt und das Boot in Augenschein genommen. Vor allem für Karen-Kristina ist das eine Beruhigung. Bernhard sagt, dass die lange Zeit auf dem offenen Meer gar nicht so aufregend, sondern fast langweilig ist; die Gefahren lauern eher in Küstennähe. Anstrengend sind nur die Nachtwachen, weil man alle 20 Minuten schauen muss, dass keine anderen Schiffe in die Quere kommen. Zwischendurch kann man sich zum Schlafen hinlegen. „Letztlich kommen acht Stunden Schlaf zusammen“, sagt Bernhard. Es gibt auch Schiffe, die nachts nur mit der Selbststeuerungsanlage fahren, und auf denen keine Nachtwache gemacht wird. Doch das hält Bernhard für zu gefährlich. Planmäßig erreichen sie mit den anderen Seglern ihr Ziel in der Karibik. Dass ihr Katamaran den 3. Platz errungen hat, können sie später in der Zeitung lesen. Nicht gesagt wurde, dass nur drei Katamarane teilgenommen haben... „Für die Karibik sind solche Regatten ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Es kommen dann etwa 200 Boote an und jedes ist mit mehreren Leuten besetzt.“

In der Karibik segeln die beiden von Insel zu Insel und lernen Land und Leute kennen. Aber sie bekommen auch Besuch von Freunden aus Deutschland, die von einem günstig gelegenen Flughafen abgeholt und später dort wieder hingebracht werden müssen. Da heißt es dann auf die eine oder andere Insel verzichten (was sie aber gerne für ihre Gäste tun). Nach einigen Monaten heißt es: Wie soll die Fahrt weitergehen? Durch den Panamakanal? Oder nach Venezuela, wo sie das Boot liegen lassen können, nach Berlin zurückfliegen und im nächsten Jahr ab dort weiter segeln könnten? Ein Anruf nach Hause in die Tischlerei führt zu einer anderen Entscheidung: Sie werden zurückkehren. In der Tischlerei gibt es Probleme. Den „Kindern“ fehlt noch die Erfahrung, und Bernhard muss unterstützen. Mit dem Boot segeln sie zu den Azoren, lassen das Schiff dort liegen und fliegen zurück nach Berlin.

Die Pläne der Weltumsegelung muss Bernhard zu den Akten legen. Er braucht mehr Zeit für die Firma, die inzwischen auf 25 Mitarbeiter angewachsen ist. Für’s Segeln reserviert er sich trotzdem im Frühjahr drei und im Herbst zwei Monate. „Dann segelten wir eben in Etappen“, sagt er. „Von den Azoren ging es nach Portugal und Spanien, dort überwinterte das Boot, im nächsten Jahr segelten wir über die Balearen und Sardinien nach Malta, ein Jahr später nach Griechenland und in die Türkei und im letzten Jahr vom Mittelmeer wieder zurück nach Deutschland.“ Diese letzte Etappe im Jahr 1998/99 übernimmt Bernhard allein, denn Karen-Kristina muss wieder arbeiten; sie hatte sich für drei Jahre beurlauben lassen. Für den Rückweg nimmt er den Weg über die Flüsse und Kanäle: ab Frankreich auf der Rhone, dann auf Kanäle, Mosel und Rhein,, durch den Mitteland- und Elbe-Seitenkanal bis zur Ostsee. Auf der Insel Poel findet das Schiff einen neuen Liegeplatz.

In den folgenden Jahren unternehmen Bernhard und Karen-Kristina jährlich mindestens eine große Segelreise. 2001 trennt sich Bernhard endgültig von der Tischlerei und übergibt sie seinen Kindern. Das Ehepaar segelt zunächst auf der Ostsee nach Schweden und Finnland (2000), dann über Norwegen und die Faroer Inseln nach Island (2001), schließlich von der Ostsee zur Nordsee nach England, wo sie in London Verwandte besuchen. Das Schiff überwintert in Holland (2002/03). Die nächste Reise führt von Holland durch den englischen Kanal,  an der französischen Küste der Biskaya entlang bis zur Grenze nach Spanien (2004) und von dort zurück nach Deutschland (2005).

Der Sommer 2004 in Frankreich ist unglaublich heiß und Bernhard empfindet die erbarmungslos brennende Sonne auf dem Meer plötzlich als Belastung. Auch stören ihn die Arbeiten am Boot – Putzen, Reparieren, Schleifen und Streichen – alles was ihn sonst zu Höchstleistungen herausgefordert hat, findet er auf einmal lästig. Es findet sich niemand, der ihm helfen könnte, wenn er das Boot in seinem Winterlager an der Ostsee in Ordnung bringen muss, obwohl es doch in der Region so viel Arbeitslose geben soll! Allmählich wird ihm klar, dass er keine Lust mehr hat und beschließt das Boot zum Kauf anzubieten. Dann bespricht er seinen Entschluss mit seiner Frau, die erleichtert zustimmt, denn sie war ja nie eine begeisterte Seglerin. Trotzdem haben sich die beiden auch auf See immer gut verstanden, wahrscheinlich weil sie ihre Arbeitsteilung niemals hinterfragten: Auf dem Boot ist Bernhard der Kapitän. Zu Hause hat sie das Sagen.

Bernhard rechnet damit, dass es eine Weile dauern wird, bis sich ein Käufer findet. Ein Katamaran ist schließlich eine große Investition. Den kommenden Sommer könnten sie noch nutzen, um – ohne Mast – gemütlich durch die Brandenburger Gewässer zu schippern. Doch es geht schneller als gedacht. Im Januar 2006 wird der Kaufvertrag besiegelt. Das Boot ist weg.

Die neue Aufgabe wartet längst: Es ist Neukölln beziehungsweise der Kiez, in dem Bernhard aufgewachsen ist und in dem er ein Mietshaus in der Emser Straße 117 besitzt. Das Haus gehört der Familie Thieß schon seit 1978, und die Hausverwaltung macht ihm eigentlich nur Ärger. Spätestens seit Ende der Neunziger Jahre ist es weit über die Grenzen Neuköllns hinaus bekannt, dass die Verhältnisse insbesondere in Nord-Neukölln zu kippen drohen. Zeitungen schreiben von der „Bronx von Berlin“ und prangern Verwahrlosung, Gewalt und Armut an. Der Spiegel redet von der „Endstation Neukölln“. Die Auswirkungen spürt auch Bernhard als Vermieter. In seinem Mietshaus wohnen zum Teil Mieter, die ihre Wohnungen vernachlässigen und nur zögerlich (oder auch gar nicht) die Miete zahlen. Bernhard hegt schon lange den Gedanken sich von dem Haus zu trennen.

Eines Tages im Jahr 2004 fällt ihm eine Zeitungsnotiz ins Auge: „Bürgerstiftung Neukölln in Gründung“. Da finden sich Menschen zusammen, die für Neukölln etwas tun wollen, um diese schwierigen Verhältnisse zu ändern! Bernhard und Karen-Kristina wollen mitmachen, nehmen Kontakt auf und gründen gemeinsam mit diesen engagierten Menschen die Bürgerstiftung Neukölln. Es sind Lehrer, Künstler, Unternehmer, Migrantenvereine, Mietergemeinschaften sowie Menschen aus Kirche, öffentlicher Verwaltung und Politik, die zu einem Fonds beitragen, auf dessen Basis Projekte organisiert werden. Man erhofft sich mehr Gemeinsamkeit und eine „bewusste Wahrnehmung der eigenen kulturellen Identität als Neuköllner Bürgerinnen und Bürger“, wie es damals der evangelische Superintendent formuliert.

Bernhard verkauft sein Haus also nicht. Er wird es instand setzen, modernisieren und einige Räume für kulturelle Veranstaltungen herrichten. So lässt er 2005 die Fassade reparieren und einen Leuchtturm darauf malen, der über alle fünf Geschosse reicht. Der Leuchtturm symbolisiert das Ende seiner Seeabenteuer und gleichzeitig den Neuköllner Aufbruch. Die den Leuchtturm umgebende Küstenlandschaft hat auch den Zweck Graffiti-Sprayer davon abzuhalten, die Fassade wieder zu beschmutzen. Das wirkt. Bis heute ist die Fassade unangetastet. Immer, wenn eine Wohnung frei wird, baut Bernhard eine Gasetagenheizung ein, saniert die Räume und das Bad. Er steckt viel Geld in die Immobilie. Jede modernisierte Wohnung kostet zwischen 20.000 und 30.000 Euro. Bei der Vermietung zieht er Künstlerinnen und Künstler vor, weil er weiß, dass sie es auf dem Wohnungsmarkt schwer haben und er deren Metier fördern möchte. Das ist sicher auch gut für den Kiez. Darauf gebracht hat ihn seine Frau, die nach der Phase des Segelns und ihrer Berufstätigkeit nun Malerin geworden ist. Inzwischen wird Fernwärme bis in die Emser Straße geliefert, und Bernhard wird künftig diese Wärmequelle nutzen.

Auch das Erdgeschoss wandelt er in eine einladende Etage um. Die eine Hälfte mietet die Bürgerstiftung für ihr Büro. In der anderen Hälfte entstehen Räume für Ausstellungen und Veranstaltungen. Ihm schwebt eine Art Begegnungszentrum vor. Zehn Jahre lang organisieren Bernhard und Karen-Kristina Thieß in ihrem Leuchtturm die unterschiedlichsten Veranstaltungen: Lesungen, Vorträge, Konzerte, Diskussionszirkel, Ausstellungen. Beide wirken auch als Künstler mit. Bernhard als Fotograf, Karen-Kristina als Malerin. Für ihre Hobbies haben sie jetzt mehr Zeit. Der Leuchtturm entwickelt sich in eine über den Kiez hinaus bekannte kulturelle Institution. Seit 2015 wollen sich Bernhard und Karen-Kristina etwas mehr Ruhe gönnen und vermieten die Räume je nach Bedarf für kulturelle oder soziale Zwecke, zum Beispiel auch an das „Erzählcafé im Körnerkiez“.