Montag, 23. Oktober 2017

39. Erzählcafé im Körnerkiez

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Bettina Stahn, Ethnologin

Ihre Geschichte wird im Lauf des Dezember 2017 veröffentlicht.

38. Erzählcafé im Körnerkiez

Donnerstag, 28. September 2017


Bernhard Thieß: Der (Halb-)Weltumsegler

Bernhard Thieß ist Chef des „Neuköllner Leuchtturms“. Das ist das Mietshaus in der Emser Straße 117, in dessen Erdgeschoss unser Erzählcafé stattfindet. 2006 ließ er auf die Fassade einen Leuchtturm malen, um auf seine Weise zu zeigen, dass sich „ab jetzt“ im vernachlässigten Neukölln etwas ändern wird. Das beschloss er gemeinsam mit anderen, die dazu beizutragen wollten, das Leben dort wieder erträglicher zu machen. Schließlich stammt er aus diesem Kiez. Der Leuchtturm symbolisiert aber auch einen besonderen Abschnitt in seinem Leben. Über diesen und andere Abenteuer berichtet Bernhard Thieß  gelassen und pragmatisch.


Es ist noch Krieg, als Bernhard am 27. Mai 1944 in Bad Landeck auf die Welt kommt. Bomben fallen auf Berlin, die Mütter wurden vorübergehend zur Geburt nach Schlesien gebracht, und wer nicht in die deutschen Ostgebiete evakuiert wurde, verbringt die Nächte im Luftschutzkeller. Am 2. Februar 1945 wird auch das Mietshaus in der Kreuzberger Pücklerstraße 23 dem Erdboden gleichgemacht. Dort wohnte Familie Thieß. Nun sie ist „ausgebombt“, wie man sagt. Bernhard und seine Mutter finden Unterschlupf bei Onkel Max, dem Bruder der Vaters, der in Britz eine Laube bewohnt. Doch schon am 1. Juli 1945 können die beiden eine Wohnung in der Emser Straße 25, Neukölln, beziehen – mit dem Vater, der aus dem Krieg heimgekehrt ist. Dem Mietshaus fehlt der Seitenflügel; und das angrenzende Gebäude ist nur noch ein Trümmerhaufen. So lebt die Familie im 4. Obergeschoss einer Teilruine. Die Tür ihrer Nachbarwohnung führt direkt in den Abgrund. Das Treppenhaus hat ein provisorisches Notdach erhalten, und die Familie nutzt diesen provisorischen Dachraum als Abstellkammer. Auf dem benachbarten Trümmergrundstück spielen die Kinder und machen aufregende Erkundungen. Eigentlich ist es verboten, das Gelände zu betreten, aber die Kinder tun es heimlich. Bernhard erinnert sich noch an einen Spielkameraden, dessen Vater besonders streng war. Beim kleinsten Vergehen wurde er von seinem Vater mit einer ledernen Peitsche, dem Siebenstriem, verprügelt. „Das kann ich bis heute nicht vergessen“, sagt Bernhard, dessen Vater zwar auch Gehorsam verlangte, ihn aber nicht körperlich züchtigte.

Bernhard besucht die Grundschule in der Jonasstraße. Die Kinder werden in Schichten unterrichtet, im Winter sind die Klassenräume notdürftig geheizt. „Aber das hat uns alles nicht gestört.“ In der Oberschule am Britzer Damm macht Bernhard die Mittlere Reife. In diesem alten Gebäude sind zwei Schulen auf engstem Raum untergebracht, später wird in der Parchimer Allee eine neue Schule gebaut.

Familie Thieß kann inzwischen eine bessere Wohnung beziehen, sogar mit Bad und Kohlebadeofen.  Sie liegt im selben Haus, nur zwei Stockwerke tiefer. 1951 gründet der Vater, von Beruf Tischler, in der Siegfriedstraße die Tischlerei Franz Thieß. Die Werkstatt befindet sich in einem ehemaligen Kuhstall, die er von einem alten Tischlermeister übernommen hat. „Bis in die 1959er-Jahre hinein gab es in Neukölln noch Kuhställe, wo man Milch kaufen konnte. In unserer Werkstatt fanden sich noch die offene Rinne und die Halterungen für die Kühe. Für große Umbaumaßnahmen fehlte das Geld, deshalb blieb alles so, wie es war“, erklärt Bernhard. Im Vorderhaus mietet der Vater weitere Räume für das Büro an, wo die Mutter die Buchhaltung und die Terminorganisation übernimmt. 1965 zieht die Familie in ein Haus, das neben der Werkstatt, in der Hermann- Ecke Siegfriedstraße liegt.

Als 1956 das Eisstadion an der Oderstraße eröffnet wird, lernt Bernhard dort Schlittschuhlaufen. Er bekommt Gleiter, die an die Schuhe angeschraubt werden müssen. „Richtige“ Schlittschuhe kaufen ihm seine Eltern, als er beginnt Eishockey zu spielen. Bis er 18 Jahre alt ist nimmt er regelmäßig an Mannschaftsspielen teil. Dann engagiert er sich als Schiedsrichter. Bei dieser verantwortungsvollen Aufgabe gerät er aber oft zwischen die Fronten. Bis zu Wettkämpfen in der zweiten Bundesliga wird er gerufen. Oft muss er weit fahren und kommt nach dem Spiel erst nachts nach Hause. Zehn Jahre lang bleibt er dabei, dann gibt es dringendere Verpflichtungen: Die Tischlerei braucht ihn.

Nach der Mittleren Reife macht Bernhard eine Lehre bei einer Tischlerei in der Sonnenallee und schließt sie mit der Gesellenprüfung ab. Seiner Mutter schwebt vor, dass Bernhard auf der Ingenieurschule studiert, um Bauleiter zu werden. Durch gute Kontakte zu den Bauherren würden dann bei der Tischlerei Thieß laufend neue Bauaufträge eingehen. Bernhard aber weiß, dass ihm die Theorie nicht liegt. Immerhin tut er seiner Mutter den Gefallen und absolviert ein Praktikum auf dem Bau. Dort fühlt er sich in seiner Abneigung bestätigt und beginnt viel lieber in der Tischlerei zu arbeiten. Neben ihm sind zwei weitere Gesellen beschäftigt. Als der Vater erkrankt, liegt die Arbeit auf den Schultern der drei Gesellen. 1964 stirbt der Vater mit nur 56 Jahren. Die Tischlerei aber darf nur von einem Tischlermeister weitergeführt werden. Bernhard besucht eine Meisterabendschule und legt nach zwei Jahren mit einer Sondererlaubnis die Meisterprüfung ab. Nun ist er Chef und mit 22 Jahren der jüngste Tischlermeister Berlins. „Oftmals hielten mich die Bauherren für den Lehrling, wenn ich zu einem Besprechungstermin auf der Baustelle erschien. Ich sah viel jünger aus, als ich wirklich war“, sagt Bernhard lachend.

1965 heiratet Bernhard; 1966 wird sein Sohn geboren. Es ist schwer eine Wohnung zu finden. Aber Bernhard hat Glück. Er kann mit seiner jungen Frau zunächst zur Untermiete in der Wohnung der Großmutter wohnen. Die Oma lebt in der Kienitzer Straße und zieht vorübergehend zu ihrem Lebenspartner. Wenig später wird für die Familie eine Wohnung in der Emser Straße 111 frei. Dort kommt 1969 die Tochter zur Welt. Die Zeiten aber haben sich geändert. Während Bernhard als Kind noch gefahrlos auf der Straße spielen konnte, ist es nun wegen des zugenommenen Autoverkehrs nicht mehr möglich. Die nach den Kriegszerstörungen leer geräumten Grundstücke sind meistens wieder bebaut worden, aber Kinderspielplätze sind nicht entstanden. Bernhard will, dass seine Kinder frei aufwachsen können. Die Lösung ist ein Grundstück in Rudow, wo es noch Felder und Landwirtschaft gibt. Dort baut er für seine Familie ein Haus. Es ist ein Fertighaus. Keller und Dachgeschoss entstehen in Eigenarbeit. 1971 zieht die Familie ins Grüne, und die Kinder können eine unbeschwerte, geborgene Kindheit erleben.

Seit seiner Jugend ist Bernhard leidenschaftlicher Wassersportler. Doch als Familienvater und Tischlereibesitzer bleibt ihm wenig Zeit für sein Hobby. Früher, als die Grenze noch offen war, fuhr er im Sommer oft zum Seddinsee, wo sein Faltboot lag. Von seinem ersten Lehrlingsgehalt erstand er ein altes Segelboot für 25 DM (viel Geld für ihn). Es hatte zwar West-Berlinern gehört, lag aber in Schmöckwitz, einem Ortsteil in Ost-Berlin. 1961 wurde die Mauer gebaut, und Bernhard konnte sein Schiff nicht mehr benutzen. Er schenkte es seiner Ost-Berliner Cousine und versuchte es mit einem gebrauchten Ersatz-Boot in West-Berliner Gewässern.

1978 baut sich Bernhard ein großes Schiff, um damit auf der Ostsee zu segeln. Er kauft einen Rumpf und baut ihn mit einer Kajüte aus. Für West-Berliner ist es umständlich und zeitaufwendig ein Boot bis an die Ostsee zu transportieren. Man muss es durch die DDR schleppen lassen, für das man auf jedem Weg zwei Tage braucht. Aber Bernhard perfektioniert sich als Segler und legt die erforderlichen Prüfungen für den Segelschein ab. Seine routinierten und fehlerlosen Manöver in der praktischen Prüfung bewirken ein ungläubiges Staunen in den Gesichtern der Prüfer. Er muss alles wiederholen, um sie zu überzeugen, dass er nicht geblufft hat.

Einmal unternimmt Bernhard mit seinen inzwischen fast erwachsenen Kindern eine Segeltour im Mittelmeer rund um Korsika. Das Boot nehmen sie von Berlin aus auf einem Autoanhänger mit. Auf dem Rückweg, sie befinden sich gerade auf der Autobahn in der DDR, beginnt der Anhänger zu schlingern. Bernhard reagiert falsch, der Anhänger kippt um und bleibt auf der Fahrbahn liegen. Die Volkspolizei sperrt die Autobahn, und es dauert Stunden, bis ein Kran kommt, der das Boot wieder aufrichtet. Als sie am Grenzkontrollpunkt ankommen, werden sie von Soldaten mit Maschinengewehr im Anschlag eingekreist. Wo sind Sie so lange gewesen? wollen sie wissen. (Man musste in einer vorgeschrieben Maximalzeit den Transitweg durchquert haben, sonst gab es Ärger.) Zu Hause stellt Bernhard das unbrauchbar gewordene Schiff auf seinem Grundstück ab. Die Versicherung zahlt ihm eine kleine Entschädigung. In diese Zeit etwa fällt die Scheidung von seiner Frau.

1981 lernte er Karen-Kristina  kennen und schafft sich im Jahr darauf ein neues größeres Boot an. Seinen Liegeplatz hat es an der Ostsee. Mit Karen-Kristina unternimmt Bernhard in den nächsten Jahren größere Segeltörns. Sie segeln nach England, Schottland, durch den englischen Kanal. An der Irischen See geraten sie in einen Sturm, der das Boot beschädigt. Das Boot muss in Irland bleiben und dort repariert werden. Im kommenden Frühjahr, es ist April 1986, holen Bernhard und ein Freund das Schiff wieder ab. Als sie in Cuxhaven anlegen, empfangen sie die Meldung über die Explosion des Kernkraftwerks Tschernobyl. Dieses Ereignis ist ein Schock, der wohl für immer im Gedächtnis bleibt.

In der Tischlerei häuft sich die Arbeit. Angesichts der guten Auftragslage muss sich die Firma vergrößern und zieht 1989 in den Gewerbehof Niemetzstraße. Sein Sohn hat ebenfalls Tischler gelernt und arbeitet längst mit. Nach dessen Meisterprüfung im Jahr 1990 übernimmt er mehr Verantwortung. 1992 steigt die Tochter als gelernte Kauffrau ebenfalls in den Betrieb ein.

Der Zeitpunkt scheint gekommen zu sein an die eigenen Wünsche zu denken. Schon lange hat Bernhard davon geträumt die Welt zu umsegeln. Karen-Kristina wäre bereit ihn zu begleiten und bei ihrer Arbeit eine längere Auszeit zu beantragen. Viel versteht sie nicht vom Segeln, aber es gibt genügend andere Aufgaben: sie hilft beim Anlegen, führt das Reisetagebuch und sorgt für die Verpflegung. 1994, in seinem 50. Lebensjahr, kauft Bernhard einen englischen Katamaran, 11 Meter lang, fünf Meter breit. Es gibt genügend Platz für seine Frau und ihn, für die Fahrräder und den Proviant. Ein Beiboot mit Rettungsinsel gehört natürlich dazu sowie die notwendige technische Ausstattung wie Funkgeräte etc. Im September 1995 segeln sie durch den englischen Kanal, vorbei an Spanien, Portugal zu den Kanarischen Inseln. Im November, nach der Hurrikansaison, geht es weiter die klassische Passatroute über den Atlantik in die Karibik. Für diesen letzten Abschnitt werden sie drei Wochen brauchen. Die beiden sind aber nicht allein auf dem Meer. Per Funk sind sie mit einer Gemeinschaft von Fahrtenseglern verbunden, die im Rahmen einer Regatta dieselbe Route nehmen. Diese Gemeinschaft hat sie schon bei den Vorbereitungen unterstützt und das Boot in Augenschein genommen. Vor allem für Karen-Kristina ist das eine Beruhigung. Bernhard sagt, dass die lange Zeit auf dem offenen Meer gar nicht so aufregend, sondern fast langweilig ist; die Gefahren lauern eher in Küstennähe. Anstrengend sind nur die Nachtwachen, weil man alle 20 Minuten schauen muss, dass keine anderen Schiffe in die Quere kommen. Zwischendurch kann man sich zum Schlafen hinlegen. „Letztlich kommen acht Stunden Schlaf zusammen“, sagt Bernhard. Es gibt auch Schiffe, die nachts nur mit der Selbststeuerungsanlage fahren, und auf denen keine Nachtwache gemacht wird. Doch das hält Bernhard für zu gefährlich. Planmäßig erreichen sie mit den anderen Seglern ihr Ziel in der Karibik. Dass ihr Katamaran den 3. Platz errungen hat, können sie später in der Zeitung lesen. Nicht gesagt wurde, dass nur drei Katamarane teilgenommen haben... „Für die Karibik sind solche Regatten ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Es kommen dann etwa 200 Boote an und jedes ist mit mehreren Leuten besetzt.“

In der Karibik segeln die beiden von Insel zu Insel und lernen Land und Leute kennen. Aber sie bekommen auch Besuch von Freunden aus Deutschland, die von einem günstig gelegenen Flughafen abgeholt und später dort wieder hingebracht werden müssen. Da heißt es dann auf die eine oder andere Insel verzichten (was sie aber gerne für ihre Gäste tun). Nach einigen Monaten heißt es: Wie soll die Fahrt weitergehen? Durch den Panamakanal? Oder nach Venezuela, wo sie das Boot liegen lassen können, nach Berlin zurückfliegen und im nächsten Jahr ab dort weiter segeln könnten? Ein Anruf nach Hause in die Tischlerei führt zu einer anderen Entscheidung: Sie werden zurückkehren. In der Tischlerei gibt es Probleme. Den „Kindern“ fehlt noch die Erfahrung, und Bernhard muss unterstützen. Mit dem Boot segeln sie zu den Azoren, lassen das Schiff dort liegen und fliegen zurück nach Berlin.

Die Pläne der Weltumsegelung muss Bernhard zu den Akten legen. Er braucht mehr Zeit für die Firma, die inzwischen auf 25 Mitarbeiter angewachsen ist. Für’s Segeln reserviert er sich trotzdem im Frühjahr drei und im Herbst zwei Monate. „Dann segelten wir eben in Etappen“, sagt er. „Von den Azoren ging es nach Portugal und Spanien, dort überwinterte das Boot, im nächsten Jahr segelten wir über die Balearen und Sardinien nach Malta, ein Jahr später nach Griechenland und in die Türkei und im letzten Jahr vom Mittelmeer wieder zurück nach Deutschland.“ Diese letzte Etappe im Jahr 1998/99 übernimmt Bernhard allein, denn Karen-Kristina muss wieder arbeiten; sie hatte sich für drei Jahre beurlauben lassen. Für den Rückweg nimmt er den Weg über die Flüsse und Kanäle: ab Frankreich auf der Rhone, dann auf Kanäle, Mosel und Rhein,, durch den Mitteland- und Elbe-Seitenkanal bis zur Ostsee. Auf der Insel Poel findet das Schiff einen neuen Liegeplatz.

In den folgenden Jahren unternehmen Bernhard und Karen-Kristina jährlich mindestens eine große Segelreise. 2001 trennt sich Bernhard endgültig von der Tischlerei und übergibt sie seinen Kindern. Das Ehepaar segelt zunächst auf der Ostsee nach Schweden und Finnland (2000), dann über Norwegen und die Faroer Inseln nach Island (2001), schließlich von der Ostsee zur Nordsee nach England, wo sie in London Verwandte besuchen. Das Schiff überwintert in Holland (2002/03). Die nächste Reise führt von Holland durch den englischen Kanal,  an der französischen Küste der Biskaya entlang bis zur Grenze nach Spanien (2004) und von dort zurück nach Deutschland (2005).

Der Sommer 2004 in Frankreich ist unglaublich heiß und Bernhard empfindet die erbarmungslos brennende Sonne auf dem Meer plötzlich als Belastung. Auch stören ihn die Arbeiten am Boot – Putzen, Reparieren, Schleifen und Streichen – alles was ihn sonst zu Höchstleistungen herausgefordert hat, findet er auf einmal lästig. Es findet sich niemand, der ihm helfen könnte, wenn er das Boot in seinem Winterlager an der Ostsee in Ordnung bringen muss, obwohl es doch in der Region so viel Arbeitslose geben soll! Allmählich wird ihm klar, dass er keine Lust mehr hat und beschließt das Boot zum Kauf anzubieten. Dann bespricht er seinen Entschluss mit seiner Frau, die erleichtert zustimmt, denn sie war ja nie eine begeisterte Seglerin. Trotzdem haben sich die beiden auch auf See immer gut verstanden, wahrscheinlich weil sie ihre Arbeitsteilung niemals hinterfragten: Auf dem Boot ist Bernhard der Kapitän. Zu Hause hat sie das Sagen.

Bernhard rechnet damit, dass es eine Weile dauern wird, bis sich ein Käufer findet. Ein Katamaran ist schließlich eine große Investition. Den kommenden Sommer könnten sie noch nutzen, um – ohne Mast – gemütlich durch die Brandenburger Gewässer zu schippern. Doch es geht schneller als gedacht. Im Januar 2006 wird der Kaufvertrag besiegelt. Das Boot ist weg.

Die neue Aufgabe wartet längst: Es ist Neukölln beziehungsweise der Kiez, in dem Bernhard aufgewachsen ist und in dem er ein Mietshaus in der Emser Straße 117 besitzt. Das Haus gehört der Familie Thieß schon seit 1978, und die Hausverwaltung macht ihm eigentlich nur Ärger. Spätestens seit Ende der Neunziger Jahre ist es weit über die Grenzen Neuköllns hinaus bekannt, dass die Verhältnisse insbesondere in Nord-Neukölln zu kippen drohen. Zeitungen schreiben von der „Bronx von Berlin“ und prangern Verwahrlosung, Gewalt und Armut an. Der Spiegel redet von der „Endstation Neukölln“. Die Auswirkungen spürt auch Bernhard als Vermieter. In seinem Mietshaus wohnen zum Teil Mieter, die ihre Wohnungen vernachlässigen und nur zögerlich (oder auch gar nicht) die Miete zahlen. Bernhard hegt schon lange den Gedanken sich von dem Haus zu trennen.

Eines Tages im Jahr 2004 fällt ihm eine Zeitungsnotiz ins Auge: „Bürgerstiftung Neukölln in Gründung“. Da finden sich Menschen zusammen, die für Neukölln etwas tun wollen, um diese schwierigen Verhältnisse zu ändern! Bernhard und Karen-Kristina wollen mitmachen, nehmen Kontakt auf und gründen gemeinsam mit diesen engagierten Menschen die Bürgerstiftung Neukölln. Es sind Lehrer, Künstler, Unternehmer, Migrantenvereine, Mietergemeinschaften sowie Menschen aus Kirche, öffentlicher Verwaltung und Politik, die zu einem Fonds beitragen, auf dessen Basis Projekte organisiert werden. Man erhofft sich mehr Gemeinsamkeit und eine „bewusste Wahrnehmung der eigenen kulturellen Identität als Neuköllner Bürgerinnen und Bürger“, wie es damals der evangelische Superintendent formuliert.

Bernhard verkauft sein Haus also nicht. Er wird es instand setzen, modernisieren und einige Räume für kulturelle Veranstaltungen herrichten. So lässt er 2005 die Fassade reparieren und einen Leuchtturm darauf malen, der über alle fünf Geschosse reicht. Der Leuchtturm symbolisiert das Ende seiner Seeabenteuer und gleichzeitig den Neuköllner Aufbruch. Die den Leuchtturm umgebende Küstenlandschaft hat auch den Zweck Graffiti-Sprayer davon abzuhalten, die Fassade wieder zu beschmutzen. Das wirkt. Bis heute ist die Fassade unangetastet. Immer, wenn eine Wohnung frei wird, baut Bernhard eine Gasetagenheizung ein, saniert die Räume und das Bad. Er steckt viel Geld in die Immobilie. Jede modernisierte Wohnung kostet zwischen 20.000 und 30.000 Euro. Bei der Vermietung zieht er Künstlerinnen und Künstler vor, weil er weiß, dass sie es auf dem Wohnungsmarkt schwer haben und er deren Metier fördern möchte. Das ist sicher auch gut für den Kiez. Darauf gebracht hat ihn seine Frau, die nach der Phase des Segelns und ihrer Berufstätigkeit nun Malerin geworden ist. Inzwischen wird Fernwärme bis in die Emser Straße geliefert, und Bernhard wird künftig diese Wärmequelle nutzen.

Auch das Erdgeschoss wandelt er in eine einladende Etage um. Die eine Hälfte mietet die Bürgerstiftung für ihr Büro. In der anderen Hälfte entstehen Räume für Ausstellungen und Veranstaltungen. Ihm schwebt eine Art Begegnungszentrum vor. Zehn Jahre lang organisieren Bernhard und Karen-Kristina Thieß in ihrem Leuchtturm die unterschiedlichsten Veranstaltungen: Lesungen, Vorträge, Konzerte, Diskussionszirkel, Ausstellungen. Beide wirken auch als Künstler mit. Bernhard als Fotograf, Karen-Kristina als Malerin. Für ihre Hobbies haben sie jetzt mehr Zeit. Der Leuchtturm entwickelt sich in eine über den Kiez hinaus bekannte kulturelle Institution. Seit 2015 wollen sich Bernhard und Karen-Kristina etwas mehr Ruhe gönnen und vermieten die Räume je nach Bedarf für kulturelle oder soziale Zwecke, zum Beispiel auch an das „Erzählcafé im Körnerkiez“.


Freitag, 22. September 2017

37. Erzählcafé im Körnerkiez

Donnerstag, 14. September 2017

Wolfgang Endler, Autor und Entertainer

NachGeburt

Sommer 2000, Freilichtbühne Friedrichshain –
Carow‘s COMING OUT noch im Hinterkopf
gehen meine Füße fast wie von allein
zum Krankenhaus. Wie ein alter Zopf
hängt schwer mir etwas an,
was ich kaum greifen kann.

Dann dämmert‘ s mir, ein Film läuft ab:
schwarz-weiß und stumm, plötzlich ein Schrei.
Schnell bringt er Herz und Hirn auf Trab –
Schnitt – und die Szene ist vorbei.
Erblick‘ das Licht der Welt zum ersten Mal,
getrübt vom Staub der Trümmer, matt und fahl.

Im Hintergrund Hügel aus Schutt und Schrott,
BruchStücke von SCHLOSS und REICHSKANZLEI.
Man tauft mich WOLFGANG VON MONT KLAMOTT
brandneuer Adel nach WELTKRIEG ZWEI.
Auf Phosphor-Granaten, Bomben und Minen
folgt AUFERSTANDEN AUS RUINEN.

SIEBZEHNTER JUNI, fast war ich sieben,
als Panzer die STALIN-ALLEE leer fegten.
Mochte den ROTEN STERN nicht mehr lieben
und manche Lieder, die mich sonst bewegten.
Und als ‘68 in PRAG Panzer brannten,
ging mehr entzwei als nur Bordsteinkanten.

Die westliche ‘68er REVOLTE
verfolgte ich NICHT mit verklärtem Blick.
Das lag nicht daran, dass ich‘s nicht wollte;
nur ein paar Tür‘ n hielten mich zurück
und GLASBAUSTEINE. Im STASI-KNAST
hab‘ ich ein paar Jahre BEWEGUNG verpasst.

ZEHN Jahre nach dem MAUERBAU
fiel‘ n für mich ALLE Mauern - ich wurd‘ umgezogen
von Berlin nach BERLIN!  Mit dem Morgentau
bin ich in TEMPELHOF eingeflogen.
BYE, BYE, LOVE im Ohr schwebte ich über‘ s Rollfeld,
im alten Anzug weder West- noch OstGELD.

Ich wurde empfangen von Tanten und Nichten,
neuer OSTPOLITIK und – Berufsverboten;
von vielen RECHTEN – und noch mehr Pflichten
sowie ein paar LINKEN, genannt CHAOTEN.
Mehr als nur EINE dicke „AKTE ENDLER“
wurde angelegt über OST-WEST-PENDLER.

Nun schreib‘ ich GESCHICHTE  – oder sind‘ s nur Geschichten
über allzu Deutsches, abgestanden und alt?
Oder ließe sich daraus noch etwas verdichten
zur Erbauung, ganz ohne verbale Gewalt?
Habe beim freien Fliegen viele Federn gelassen.
Mit denen zu schreiben, möcht‘ ich NICHT bleiben lassen.


Wolfgang Endlers Biografie steckt auch in seinen geschriebenen Werken. Und so liest er aus seinem 2016 erschienenen Buch „GrenzGänger – ÜberFlieger“ erst ein Gedicht (NachGeburt) und anschließend eine Episode (Verschiebebahnhof) vor. Wolfgang mag es.  Inhalte in rhythmische Texte zu verwandeln, anstatt kalte Zahlen und Fakten aufzulisten. Unter den zahlreich erschienenen Zuhörenden sitzen einige Freunde, die meisten aber kennen ihn noch nicht. Sie wissen nur das, was in der Einladung stand: Ost-Berliner, Orthopädiemechaniker, Haft, Abschiebung in den Westen, Biologiestudium mit Promotion, Autor und Entertainer. Wolfgang bittet nach dieser kurzen Lesung das Publikum um seine Fragen. Einige von Wolfgangs Freunden melden sich zu Wort und nutzen ihr Insiderwissen, andere Anwesende stellen grundlegendere Fragen. Wolfgang antwortet ausführlich mit vielen Beispielen, so dass allmählich in den Köpfen aller Zuhörenden ein Bild von ihm entstehen kann, wenn auch mit Lücken.

1946 wird Wolfgang Endler in Ost-Berlin geboren. Er wächst im idyllischen Vorort Friedrichshagen in einer musikalischen und feierfreudigen Familie auf. Sein Vater, ein Fernmeldemonteur, hat kurz nach dem Krieg seine Geige für Lebensmittel hergeben müssen, doch es bleibt ihm seine Gitarre. Auch seine Schwester, die später Kindergärtnerin wird, lernt Gitarre, die anderen Kinder singen und blasen auf dem Kamm. Bei Familienfeiern, zu denen sich bis zum Mauerbau die Ost- und West-Berliner Verwandtschaft zusammenfindet, verkleiden sie sich, tragen Gedichte vor, singen amerikanische Gospels und russische Volkslieder. Glückwunschkarten zu den unterschiedlichsten Anlässen werden eigenhändig gestaltet und mit einem selbst verfassten Gedicht versehen. Zur West-Berliner Verwandtschaft gehört eine besonders eindrucksvolle Dame: Wolfgangs Großtante. Sie ist Hauptbuchhalterin bei „Butter Beck“ und eine absolute Amüsiernudel. Im Betrieb organisiert sie Feiern für 500 Personen. Und auch bei den Familienfeiern ist sie treibende Kraft. Das Kind Wolfgang ist beeindruckt und erklärt sie zu seiner Lieblingstante, nicht nur weil sie seine Patentante ist. Wenige Jahre später werden die Friedrichshagener in den Augen mancher West-Berliner aus dem Umfeld der Familie als „ostdeutsche Amüsier-Neger“ gesehen. Steigender Wohlstand im Westen hat sie zunehmend behäbiger, saturierter werden lassen. Diese Westler sind wahrscheinlich ein wenig neidisch, dass die Ost-Berliner Familie auch ohne Alkohol fast immer gute Laune hat, und sie besuchen sie zu allen Familienfesten bis zum Jahr 1961, in dem die Mauer einen Schlussstrich setzt.

Wolfgang ist noch ein Kind, als sich seine Eltern eines der ersten Tonbandgeräte zulegen, die in der DDR erscheinen. Es kostet 470 DDR-Mark. Das ist zu dieser Zeit unglaublich viel Geld, und die Eltern, die sich sonst kaum etwas leisten können (zum Beispiel einen Fernsehapparat) zahlen diese Summe Jahre lang ab. Wolfgang profitiert von diesem familiären technischen Fortschritt. Bereits als Dreizehnjähriger lernt er mit dem Mikrofon umzugehen und weiß, wie man Vorträge und Musikstücke schneidet: „Das braune Band mit einer Rasierklinge scharf anschneiden, mit Lösemittel tupfen, neu verkleben und schon ist das Schweigen raus wie bei Dr. Murkels gesammeltem Schweigen“, erklärt Wolfgang in seiner ironisch-doppeldeutigen Art. „Ich habe erst viel später begriffen, wie wichtig es für meine Eltern war, ein solches Gerät zu besitzen, weil sie damit etwas gestalten konnten: Situationen aufnehmen, die man sich Jahre später wieder vorspielen kann.“ Als Wolfgang bei der Nationalen Volksarmee seinen Militärdienst ableistet, wird er Sprechfunker, und seine Vorgesetzten wundern sich, wie souverän er mit den Geräten umgehen kann.

Wolfgang besucht in Friedrichshagen die Polytechnische Oberschule. Sein Deutschlehrer erkennt sein Talent zugespitzte Texte zu formulieren, fördert ihn durch geeignete Literatur und bestimmt ihn zum Redakteur der Klassenwandzeitung. Seit er 14 Jahre alt ist, übt sich Wolfgang im Schreiben von kurzen Texten, Gedichten und Aphorismen. Den letztgenannten Begriff lernt er am Beispiel der scharfsinnigen Sprüche des polnischen Autors Stanislaw Jerzy Lec, die im „Eulenspiegel“ veröffentlicht werden. In dieser satirischen Zeitschrift der DDR entdeckt Wolfgang wertvolle Anregungen, die er ausschneidet, an die Wand heftet und mit Kommentaren versieht. Auch das verbotene Abhören von West-Radiosendern wie den RIAS bringt ihm viele neue Ideen. Doch Wolfgang übertreibt es manchmal mit seinen Witzen und kritischen Bemerkungen, so dass der Lehrer einschreiten muss. Einmal zielt ein grober Scherz auf den Sohn des Landesforstmeisters, dessen Vater sowohl ein strenger SED-Genosse in leitender Position wie wahrscheinlich auch für die Stasi tätig ist. „Hätte mich der Lehrer nicht rechtzeitig gebremst, wäre er womöglich zur Verantwortung herangezogen worden. Denn der Sohn hätte sich mit Sicherheit beim Vater beklagt. Das habe ich selbstverständlich eingesehen.“

Nach Schulabschluss und Militärdienst lässt sich Wolfgang in einem Betrieb als Orthopädiemechaniker ausbilden. Am 2. November 1967 passiert es: Wolfgang wird unschuldig in ein eher harmloses Eigentumsdelikt verwickelt, als sein Freund ein Ersatzteil bei der NVA-Transportabteilung klaut, und kommt in Untersuchungshaft nach Neustrelitz. Schwerwiegend ist jedoch der vermutete „Tatzusammenhang“:  die Idee seines Freundes ggf. einen bewaffneten Grenzdurchbruch zu versuchen.  Der „Angeklagte Endler“ jedoch hatte eine (zumindest in der Theorie) viel gefährlichere Vorstellung: in der DDR politische Änderungen zu unterstützen, wie sie in der benachbarten CSSR betrieben wurden. Nach dreieinhalb Jahren wird er vom Westen freigekauft und dorthin abgeschoben. Über diese Zeit in Haft mag Wolfgang nicht viel erzählen und verweist auf seine Texte. So einschneidend die Haftzeit auch war: das Vorher und Nachher hat ebenfalls einen hohen Stellenwert – und wer sich in die Opferrolle drängen lässt oder sich darin einrichtet, hat nach seiner Meinung sein eigenständiges Leben aufgegeben.  Wie viele andere auch, erhält er im Gefängnis von der Stasi ein Angebot zur Mitarbeit. Wolfgang lehnt ab und erzählt es allen Mithäftlingen weiter, um sicherzugehen, dass die Stasi nie wieder an ihn herantreten wird. Erst Jahre später, als er längst in West-Berlin lebt und Einsicht in seine Stasi-Akte nimmt, erfährt er, dass einige seiner Mitgefangenen Mitarbeiter der Stasi waren. Er hatte es allerdings in manchen Situationen geahnt und sich deshalb in der Haftanstalt und auch später im Westen immer mit Informationen und Kommentaren zurückgehalten. In seiner Akte ist zu lesen, dass er sogar im Westen bespitzelt wurde. Denn sein Mitbewohner in der ersten West-Wohngemeinschaft am Hohenzollerndamm in Berlin war ein Stasi-Mitarbeiter. Sein Deckname: IM Werner Höfer. Der hatte sich eine Zeitlang als Rechter getarnt und schlug zum Beispiel einmal mit einem Totschläger am Rande einer Demo auf linke Demonstranten ein.

Ende 1967 ist die Zeit des Prager Frühlings, in der sich Alexander Dubcek um Reformen bemüht, die am 21. August 1968 von sowjetischen Truppen gewaltsam niedergeschlagen werden. Im Gefängnis bekommen die Häftlinge nichts von den Entwicklungen mit. Als einzige Zeitung steht den Insassen das „Neue Deutschland“ zur Verfügung. Wer jedoch zwischen den Zeilen lesen kann ahnt, dass es in absehbarer Zeit in der Tschechoslowakei knallen würde. Die Haftanstalt füllt sich von Tag zu Tag mehr. Immer öfter hört Wolfgang das rhythmische Klacken des Schlüssels in den alten Schlössern der Gefängniszellen. Dieses Geräusch wird er wohl nie vergessen können. „Da wurden die Leute nur auf Verdacht ins Gefängnis gesteckt, als Präventivmaßnahme der Sicherheitsorgane!“ erklärt Wolfgang, „und ich hoffte ursprünglich, die Partei würde sich noch reformieren können!“

Am 4. Juni 1971 wird Wolfgang in den Westen abgeschoben. Diesen Tag hat er in „Verschiebebahnhof“ verarbeitet. Die Episode endet mit der Landung auf dem West-Berliner Zentralflughafen Tempelhof. Sarkastisch schreibt Wolfgang: „Das Gelände nennt sich heute: ‚Tempelhofer Freiheit’“.

Es dauert einige Jahre bis sich Wolfgang in West-Berlin eingewöhnt. Er erlebt einen Kulturschock, den er erst überwinden muss. Das Angebot an Konsumgütern erschlägt ihn förmlich. Als Wertheim am Kürfürstendamm seinen Neubau eröffnet, sieht er sich ratlos vor einem Regal mit 20 verschiedenen Tokajer-Flaschen stehen. Interessant, was unsere ungarischen Freunde und Genossen so alles produzieren, denkt er und erinnert sich an ein und dieselbe klebrig-süße Sorte, die man in Ost-Berlin bekam. Auch sonst ist vieles anders. Die Gebäude sind nicht so verfallen. Die Menschen haben bessere Zähne. Der Alltag ist anders organisiert. Es gibt eine größere Mittelschicht. Die Frauen bekommen später ihre Kinder. Wenigstens berlinern die Menschen auch im Westen; was für eine Erleichterung! Wolfgang findet in einer Moabiter Werkstatt eine Anstellung in seinem Beruf als Orthopädiemechaniker. Seine Kollegen sind gut ausgebildete Handwerker, mit denen er interessante Gespräche führen und sich auch vernünftig streiten kann, selbstverständlich auch über Politik. Die Nachwehen der Studentenbewegung sind noch zu spüren. Wolfgang vertritt radikale linke Ansichten, die er vermutlich in einem großen Betrieb nicht so frei hätte äußern können wie in seiner Werkstatt.

Wolfgang ist eigentlich zufrieden mit seiner Arbeit in der Werkstatt. Doch eines Tages trifft er in West-Berlin seinen besten Freund und früheren Mitangeklagten, der schon ein halbes Jahr vor ihm abgeschoben wurde. Dieser empfiehlt ihm, sich weiter zu qualifizieren und möglichst schnell ein Studium aufzunehmen. Wenn Wolfgang sich erst an das Geldverdienen gewöhne, würde er es nicht mehr schaffen. Und er leiht ihm 10.000 DM mit den Worten: Gib deinen Job auf. „Das war damals eine riesige Summe, und er verlangte weder eine Quittung noch Zinsen“, sagt Wolfgang. „Ich habe Biologie studiert und meine Doktorarbeit geschrieben. Aus heutiger Sicht glaube ich, dass es richtig war.“ Als Negativbeispiel hat Wolfgang politisch aktive Arbeiter oder auch Betriebsräte gut florierender Firmen wie Daimler Benz vor Augen, die sich für die Kollegen abrackern, deren Interessen sie aber dennoch oft nicht in vollem Umfang bei der Firmenleitung durchsetzen können. Als „Dank“ werden sie manchmal von „Kollegen“ gemobbt und bekommen dann schon einmal frühzeitig einen Hörsturz oder ein Burnout.

Bei seinem Studium dagegen genießt Wolfgang viele Freiheiten, obwohl er nebenbei oft arbeitet. Außerdem kann er sich politisch engagieren. Doch das bringt Probleme. Seit 1971/1972 gibt es die Berufsverbote für vorgebliche Verfassungsfeinde im Öffentlichen Dienst. Und Menschen wie Wolfgang, die das System ändern wollen, gelangen oft in den Kreis der „Verdächtigen“. Die sich rapide verschlechternde gesellschaftliche Atmosphäre macht auch vor der „Heiligen Familie“ nicht halt. Sie wirkt in seine Ehe hinein, verschärft die Differenzen zwischen den Partnern und ist einer der Gründe für die spätere Trennung.      

Nach der Wende werden die Stasi-Akten für alle Bürger freigegeben. Aber Wolfgang ist zunächst nicht daran interessiert sie einzusehen. Bis er wieder einmal seinen besten Freund und ehemaligen „Mittäter“ trifft. Bei einem – abhörsicheren – Spaziergang im Tiergarten rät dieser ihm, sich seine Akten bei der Gauck-Behörde vorlegen zu lassen. Er wisse, dass viele Leute dort eine Menge wichtiger Dinge erfahren haben. Wolfgang stellt den Antrag, muss aber dreieinhalb Jahre warten, bis er schließlich angerufen wird. Warum so lange? fragt er und erhält die zweideutige Antwort, dass die Akte noch „woanders“ gelegen habe. Als ihm endlich in der Behörde die Akte vorgelegt wird, besteht diese aus drei kümmerlichen Ordnern. Die Akte muss geplündert worden sein; sie ist nicht vollständig, weder chronologisch noch themenbezogen sortiert. Ihm fallen Randnotizen auf; zum Beispiel „Buback-Akte“. Er vertieft sich in die Unterlagen. Allmählich verdichtet sich das Bild. Offensichtlich wurde er verdächtigt, ein Mitglied der „Bewegung 2. Juni“ zu sein! Deren Leute wollten eine schwedische Ministerin entführen, um Lösegeld zu erpressen. Einige von ihnen wurden gefasst, Wolfgang jedoch hätte man nicht gefunden. Das ist ja völlig absurd! Haben Stasi und Bundesnachrichtendienst bzw. das Bundeskriminalamt hier versucht zusammenzuarbeiten?  Nach seiner Haftentlassung hat er Mitgefangene kennengelernt, die Doppelagenten waren und die ihm einen kleinen Einblick in solche Verbindungen gegeben hatten. Jetzt meint er einiges zu verstehen, was er sich bisher nicht erklären konnte, wie zum Beispiel die folgende Geschichte:

Nach dem Diplom als Biologe promoviert Wolfgang, danach ist er arbeitslos. Er bewirbt sich bei verschiedenen Stellen als Biologe, wird aber immer abgelehnt. Die Zeit der Arbeitslosigkeit nutzt er, in dem er sich zum Beispiel bei der Volkshochschule Charlottenburg als Umweltberater weiterbilden lässt. Für den Umweltschutz setzt er sich ehrenamtlich ein. Er wird Vorsitzender der Baumschutzgemeinschaft in Berlin und arbeitet im Rat, später im Vorstand der Stiftung Naturschutz Berlin mit. 1984 erfährt Wolfgang von Professor G., Lehrstuhl für Zoologie an der Freien Universität Berlin, dass er Bewerbungsunterlagen von ihm lange nach dem Abgabetermin in seiner Ablage gefunden hat. Das heißt, Wolfgangs korrekt adressierte und terminierte Bewerbung muss in der Uni von irgendjemand abgefangen worden sein, so dass er beim Verfahren nicht berücksichtigt werden konnte. Wolfgang findet das merkwürdig. Erst nach Kenntnisnahme seiner Stasi-Akte vermutet er: Ein Stasi-Offizier muss seine und andere Akten von „Terrorismus-Verdächtigen“ kurz vor der Wende an den Westen verkauft haben. In den Endsechziger Jahren hieß es im DDR-Juristendeutsch statt „Terror“ noch „Staatsgefährdende Gewaltakte“.  Mit diesen dort enthaltenen falschen Informationen hätte er wohl nie eine Stelle im Öffentlichen Dienst bekommen können. „Toll. Dann möchte ich wenigstens einen neuen Namen haben und 100.000 DM Entschädigung“, meint Wolfgang ironisch und will nun endlich darauf zu sprechen kommen, was ihm wirklich wichtig ist.

Wolfgang hat mindestens drei interessante Berufe, die er gelernt und ausgeübt hat: Orthopädietechniker, Zerspanungsfacharbeiter und promovierter Biologe. Außerdem stellte er sein Wissen und seine Arbeitskraft ehrenamtlich verschiedenen Umweltschutzorganisationen zur Verfügung. In all diesen Sparten hat er gern und erfolgreich gearbeitet, aber nie dort „Karriere“ machen wollen, denn seine Berufung ist eine andere: der Umgang mit der deutschen Sprache. Nicht nur als Schreibender, sondern auch als Darsteller. Von Kindesbeinen an versucht er Dinge, die er beobachtet, auf den Punkt zu bringen. Die „Skurrilität des Alltags“ soll sich in seinen Gedichten und Aphorismen widerspiegeln. Dabei schöpft er aus dem Schatz seiner Erfahrungen: sein Leben in der DDR, die Zeit im Knast, die verschiedenen Berufe als Arbeiter, Wissenschaftler und Aktivist. Ihn faszinieren einfache Widersprüchlichkeiten genauso wie die raffinierte Dialektik - im Sozialismus wie im Kapitalismus. Bertolt Brecht hält er für einen Meister der Dialektik. Aber auch von Goethe und Marx lässt er sich anregen. Wolfgang ist seinem Deutschlehrer noch heute dankbar für die guten Büchertipps. Auch nach dem Mauerbau konnte man in der DDR an interessante West-Bücher herankommen. Gemeinsam mit seinem Bruder, der an der Humboldt-Universität studierte, sprach er westdeutsche oder Schweizer Touristen an, die gern bereit waren, die eine oder andere heiß ersehnte Lektüre über die Grenze zu schmuggeln. So konnte Wolfgang zum Beispiel Texte von Heinrich Böll lesen, bevor sie in der DDR erschienen.

Schließlich stößt er auf die Gedichte von Adolf Endler (1930 – 2009). Die „Akte Endler“ ist den 1980er-Jahren erschienen und wohl der bekannteste Gedichtband des Lyrikers. Adolf Endler wurde in Düsseldorf geboren, siedelte 1955 in die DDR über und lebte zuletzt in Ost-Berlin. Er war Lyriker, Kritiker, Essayist und Prosaist und wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet. Es gibt zumindest eine Wahlverwandtschaft mit Adolf Endler. „Dieser schräge Vogel wurde natürlich auch von der Stasi beobachtet.“ Wolfgang ist trotz desselben Nachnamens nicht mit ihm verwandt. Aber er verehrt ihn. „Mir gefällt seine schräge Schreibe. Seine Gedichte sind toll“, sagt Wolfgang und erinnert sich an die ursprüngliche Heimat der Endlers, die als Deutsche aus dem Sudetenland stammen. Dort, zum Beispiel in Dessendorf bei Reichenberg/Liberec, dem Heimatort seines Vaters, hießen viele Einwohner Endler. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schufteten die Endlers in der Glasindustrie. Sie waren Glasbläser oder Glasschleifer, litten unter dem Glasstaub und starben früh an TBC oder Staublunge.

Ebenfalls beeindruckt ist Wolfgang vom polnischen Aphoristiker Stanislaw Jerzy Lec (1909 – 1966). „So präzise wie der möchte ich auch mal schreiben könnten,“ dachte sich der damals Vierzehnjährige,  als er in der Satire-Zeitschrift Eulenspiegel das erste Mal Aphorismen von Lec las. Zumindest zwei davon kann er auch heute noch auswendig: „Es heißt zwar nachdenken, aber man sollte es trotzdem vorher tun.“ Und: „Etwas ist faul im Staate Dänemark – Oh, wie riesengroß ist Dänemark!“ Der zuletzt genannte Spruch soll in den 1960er-Jahren in der DDR ein Knüller gewesen sein. Ein anderes Vorbild ist Wladimir Wladimirowitsch Majakowski (1893 –1930), der revolutionäre russische Dichter und Maler, den er wegen seiner rhythmischen Sprache schätzt und der unkonventionellen Erarbeitung seiner Gedichte und Aphorismen. Manche soll er mittels Bleistiftstummel auf Pappteller geschrieben haben, wie: „Dichten ist wie Uran gewinnen: Arbeit ein Jahr. Ausbeute ein Gramm.“ „Recht hat er,“ sagt Wolfgang. „Ich bin schon froh, wenn ein Milligramm rauskommt.“

Seit etwa 1996 ist für Wolfgang das Schreiben zur Gewohnheit geworden. Er nutzt ein kleinformatiges Sudelbuch und eine größere Kladde für rasche Notizen sowie das Handy zum Aufnehmen erster Gedanken oder auch Melodien. Später wird dann zumindest ein Teil davon in den Computer gehackt. Alles was ihm auffällt, wird festgehalten. Tageszeitungen sind zum Beispiel eine gute Quelle. Die Platzierung unterschiedlicher Artikel auf einer Seite bietet bisweilen unfreiwillige Komik, die Wolfgang aufgreift. Auch Träume bereichern seine „Wertstoffsammlung“. Deshalb liegt neben dem Bett auch immer ein Notizbuch. Manchmal sucht er lange nach einem bestimmten Ausdruck. Dann wacht er eines Morgens auf - und das treffende Wort, der passende Reim liegt ihm auf der Zunge. Im Jahr entstehen etwa 500 Einträge, und wenn Wolfgang daraus schließlich 50 Gedichte, Lieder, Geschichten oder auch Aphorismen machen kann, ist er damit zufrieden. Manche trägt er seinen Freunden im literarischen Zirkel vor, um ihre Meinung zu hören. Ihre Anregungen nimmt er oft dankbar an. 2016 reicht er eine Auswahl seiner Aphorismen beim deutschsprachigen Aphorismus-Wettbewerb Hattinger Igel ein und gewinnt den 1. Preis.  

Seit dem Jahr 2002 tritt er auf verschiedenen kleinen Bühnen als Wolfgang Endler, Wolle oder auch als Kalle K. (der wahre Neuköllner) auf. Oft geschieht dies gemeinsam mit Musikern, die seine Texte oder Lieder begleiten. Für seine Raps nimmt er meist einen usb-Stick mit Beats sowie eine „boombox“ mit – allgemeinverständlicher gesagt ist es ein tragbares Wiedergabegerät für verschiedene Datenträger. Aber er setzt sich nicht mehr unter den Zwang, ständig produzieren zu müssen. Das hat er sich bei Berliner Poetry Slams schnell abgewöhnt. Dort sollte wöchentlich oder monatlich etwas Neues zum Besten gegeben werden. Das war ihm zu viel; diesen Druck will er nicht.

Seine Texte sind in Anthologien, Literaturzeitschriften sowie im Internet veröffentlicht. 2016 ist sein lesenswertes Buch „GrenzGänger. ÜberFlieger – Aphorismus bis Zwischenruf“ erschienen mit einer ausgewogenen Auswahl an Geschichten, Episoden, Gedichten und Aphorismen. Nicht zufällig wurden die „70 Texte zum Siebzigsten“ passend zum entsprechenden Geburtstag ausgesucht.
Und wenn er nicht gestorben ist, schreibt er heute noch…



36. Erzählcafé im Körnerkiez

Donnerstag, 29. Juni 2017

Sayima Kutluer, Aufbruch Neukölln e.V.

"Der Mensch hilft dem Menschen und etwas Übernatürliches wird gespürt ."
(Sankt Martin, Hizir).

Sayima Kutluer ist Rechtsanwältin und Geschäftsführerin des gemeinnützigen Vereins „Aufbruch Neukölln e. V., der sich im sozialen, schulischen und erzieherischen Bereich engagiert. Unter dem Ziel, das Zusammenleben mit den unterschiedlichen Kulturen im Stadtteil zu fördern, organisieren ehrenamtliche Mitglieder verschiedene Projekte. Es gibt internationale Vätergruppen, eine Müttergruppe, mehrsprachige Elternversammlungen, eine Musikgruppe, eine Malgruppe, eine Woche der Sprache und des Lesens, eine Anti-Glücksspielsuchtgruppe, das alles in mehreren Sprachen. Dabei stehen Personen mit Migrationshintergrund im Fokus. Außerdem macht der Verein Flüchtlingsarbeit und bietet eine Rechts- , Sozial- und eine Rentenberatung an. Die Finanzierung der Projekte erfolgt über Projektförderungen und Spenden (s. Kazim Erdogan).
Sayima Kutluer hat mir in ihrer überzeugenden Art versichert, dass sie gern zu uns ins Erzählcafé kommt. Nun sitzt sie unter uns, hört bei der Vorstellungsrunde jedem einzelnen aufmerksam zu und brennt darauf loslegen zu können. Es scheint ihr sehr wichtig zu sein, uns ihre Sicht der Dinge nahezubringen.

Im Jahr 1974 steigen in der Osttürkei 15 türkische Kinder und drei Erwachsene in den Zug nach Istanbul, von dort aus mit dem Flugzeug nach Berlin. Unter ihnen ist Sayima, knapp zwei Jahre alt, mit drei Geschwistern und ihren Eltern. In Berlin werden sie von Verwandten erwartet, die dort als Gastarbeiter in Lohn und Brot stehen. Sayima wächst in Moabit auf und zieht später in den Wedding. Heute lebt sie mit ihrem Mann und den beiden Töchtern, ihren Eltern und ihrer Schwester mit Familie in Spandau, arbeitet aber in Neukölln. Sayimas Familie und die der Schwester bewohnen jeweils ein Haus auf demselben Grundstück und kümmern sich um ihre Eltern.

In Moabit braucht Sayima keinen Kindergarten zu besuchen: „Mit meinen sechs Geschwistern hatte ich meinen Kindergarten zu Hause.“ Die Mutter kümmert sich liebevoll um den Nachwuchs; der Vater ist streng, aber gerecht. „Bei einem Haushalt mit neun Personen in einer Zweieinhalb-Zimmerwohnung braucht man eine gewisse Struktur“, meint Sayima. Natürlich gibt es auch Streit. Aber wenn sich ein Kind hinter der Mutter verbirgt, sich am „heiligen Ort“ befindet, wird es in Ruhe gelassen. Diese Schutzzone akzeptieren alle Familienmitglieder. Für Sayima ist das Elternhaus ein „Hort der Liebe“. Obwohl beide Eltern Analphabeten sind, beschreibt Sayima sie als sehr intelligent. Die Mutter beispielsweise beherrscht mündlich fünf Sprachen. Und der Vater versteht das deutsche Fernsehen. Innerhalb der Familie wird mit den Eltern Türkisch, wenn die Geschwister unter sich sind, Deutsch gesprochen.

Während es zu Hause diszipliniert zugeht, kann Sayima in der Schule mit „wunderbaren Lehrern“ ihre Gedanken frei entfalten. „Ich war ein Kind wie alle anderen. Nie spürte ich einen Identitätskonflikt.“ Sie lernt spielend Deutsch, muss sich nichts bewusst einprägen. Aber sie erinnert sich an eine Situation, in der ein Wort so nachdrücklich ausgesprochen wurde, dass es sich in ihrem Gedächtnis festgesetzt hat. Ein Nachbarsjunge ruft seiner Mutter zu: „Ich habe Hunger.“ Dabei zieht er das U besonders lang und spricht das ER am Ende wie ein A aus. „Huuuungaaaa!“ Was für ein hässlicher Laut, denkt sich Sayima. Sie fragt den Jungen, was er sagt, und lernt das erste Mal ein deutsches Wort bewusst.
Es sind zwei verschiedene Welten, in denen sich Sayima täglich bewegt: die Schule und das Zuhause. Sie ist eine selbstbewusste und gute Schülerin. Der Vater unterstützt das, aber er möchte, dass alle seine Kinder gut in der Schule sind und später auch einen Beruf erlernen. Für jede Eins auf dem Zeugnis verspricht er etwas Geld. In der 5. Klasse legt Sayima ein Zeugnis mit 14 Einsen bei 16 Fächern vor. „Du machst mich arm“, sagt er zu ihr. „Ich muss deinen Brüdern das Geld geben, damit sie sich mehr anstrengen. Du weißt ja: je mehr du lernst, desto größer wird dein Erfolg für dich selber im Leben sein. Und dein Geld wirst Du für dich verdienen.“

Sayimas ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit lässt sie an der Haltung ihres Vaters, der die Brüder bevorzugt, verzweifeln. Doch auch eine Lehrerin tut ihr Unrecht. Einmal tobt Sayima mit einem Jungen auf dem Hof, nachdem sie ihn, übrigens zum ersten Mal in ihrem Leben, bewusst geärgert hat. Der Junge jagt sie. Die Lehrerin schimpft ihn aus. Da sagt Sayima, das sei ihre Schuld, weil sie den Jungen gereizt habe. Darauf die Lehrerin: „Du verteidigst immer nur deine Landsleute!“ Sie weiß, dass Sayima oft für Schwächere eintritt. „Doch das beruhte immer auf der Wahrheit“, beteuert Sayima noch heute. Wieder verzweifelt Sayima; diesmal an den Vorurteilen der Lehrerin, die zu dieser ungerechten Aussage führten und einen Unschuldigen bestraften.

Nach diesen beiden Schlüsselerlebnissen beschließt Sayima Rechtsanwältin zu werden, weil sie findet, dass Gerechtigkeit nicht per se besteht, sondern ein durch Perspektivwechsel zu erreichendes Ziel ist. Von 1993 bis 2001 studiert sie Jura an der Berliner Humboldt Universität. Das Geld für das Studium verdient sie sich als Verkäuferin im KaDeWe. Danach arbeitet sie als Rechtsanwältin. 2007 wird ihre erste Tochter geboren, 2010 folgt die zweite. Gleichzeitig gründet sie ihre eigene Kanzlei. Sayima kommt an ihre Grenzen, sie fühlt sich überfordert. Wären da nicht Freunde und vor allem ihre Schwestern gewesen, die bei der Kindererziehung geholfen haben, hätte sie vielleicht den Beruf an den Nagel gehängt. Gemeinsam meistern sie diese Krise.

Ein juristischer Fall führt sie zum Verein Aufbruch Neukölln: In einem Scheidungsverfahren wünscht eine türkische Mandantin, die selbst ohne Vater aufgewachsen ist, dass die Tochter weiterhin mit ihrem Vater in Kontakt bleiben soll. Der religiös geprägte Mann aber hat andere Vorstellungen, und Sayima kommt mit den Verhandlungen nicht voran. Sie sucht Hilfe bei Kazim Erdogan, der als Sozialarbeiter und Psychologe den Verein Aufbruch Neukölln und darin eine türkische Männergruppe aufgebaut hat. Ihm geht es um ein friedliches Miteinander der Menschen auf Augenhöhe und gegenseitiger Wertschätzung. Kazim versucht zu vermitteln. Leider kann das Ziel der Mandantin nicht erreicht werden; aber Kazim Erdogan gelingt es Sayima als Rechtsanwältin für den Verein zu gewinnen. Am 1. Januar 2015 wird ihr die Geschäftsführung übertragen.

Die Arbeit im Verein Aufbruch Neukölln e.V. besteht nicht nur aus dem Aufbau und Zusammenhalten der eingangs genannten Gruppen, dem Akquirieren von Förderungsgeldern und Sammeln von Spenden, sondern auch aus der Beratung meist junger Menschen mit türkischen und arabischen Wurzeln, die aus der Jugendvollzugsanstalt oder vom Jugendamt geschickt werden.

Insbesondere bei den Beratungen stößt Sayima an die Grenzen von Recht und Gesetz. „Das Gesetzt hat keine Selbstberechtigung und muss immer wieder hinterfragt werden. Es geht doch um Menschen. Verurteilt man zum Beispiel einen Mann, der eine Straftat begangen hat, zu einer Gefängnisstrafe, so muss man berücksichtigen, dass dadurch seine ganze Familie bestraft wird. Es wäre abzuwägen, ob es das wirklich wert ist.  Alternativen zu bedenken und Dialoge in Gang zu setzen, die Sinn für unsere Gesellschaft haben, sind hier wegweisend. Auch sollte der Fokus stärker auf die Opfer gerichtet sein,“ sagt die mutige Kämpferin, die sich gern in Fälle einmischt, bei denen ihrer Meinung nach die wahre Gerechtigkeit noch gefunden werden muss. „Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen gegenüber meinen beiden Töchtern, die 6 und 9 Jahre alt sind, wenn ich mich vermeintlich gegen ihre Wünsche ausgesprochen habe. Dann nehme ich sie in den Arm und sage ihnen, dass es mir Leid tut, aber ich musste für die gesamte Familie eine Entscheidung finden, eine, mit der alle leben können.“ Für Sayima geht es darum, nicht allein nach den Buchstaben des Gesetzes zu urteilen, sondern im Rahmen von Abwägungen allen Beteiligten gerecht zu werden. Niemandem soll die Chance zur Einsicht und zur Weichenstellung seines Lebensweges genommen werden.

Wenn sich zum Beispiel ein türkischer Mann, der meint, ein reifer Mann zu sein, darüber beschwert, dass seine Frau die Linsensuppe auf unzumutbare Weise mit Fleischklößchen angereichert hat, versucht Sayima ihm klarzumachen, dass seine Frau auch versucht, sich im Rahmen eines Gerichts weiterzuentwickeln. Wenn es nicht schmeckt, kann er das äußern, aber das Schimpfen wird der Kreativität seiner Frau hinderlich sein. Will er denn die Weiterentwicklung seiner Frau begrenzen? Ein klares Nein. Sie versucht ihm den Blick auf das Handeln seines Gegenübers zu öffnen und dadurch eine Versöhnung zu ermöglichen.

„Die Juristerei steht häufig im Widerspruch zur Mitmenschlichkeit“, sagt Sayima. Das Familienrecht sollte beispielsweise bei der Sozialpädagogik untergebracht werden, wo man die „Gefühlswelt“ der Menschen besser versteht. Dass Verfahrensbeistände für Kinder zwar eine juristische Prüfung, aber keine pädagogische Ausbildung nachweisen müssen, führt sie als typisches Beispiel an. Allerdings könne man mit Hilfe der Rechtsprechung vieles ordnen. Sie würde aber humaner sein, wenn auch Rechtsanwälte sich ihrer Machtposition als Sprecher im Verfahren bewusster wären und mehr abwägen oder vermitteln würden.

„Ich bin glücklich in Deutschland zu leben – auch als Juristin – und dankbar dafür, dass es mir so gut geht“, sagt Sayima. „Ich bewundere die klaren Strukturen.“ Früher, in der Türkei, hatte die Familie nicht genug zu essen; die Eltern verloren vier Kinder. Sayima ist Alevitin; sie lebt aber nicht sehr religiös und hinterfragt viel. Die Aleviten üben ihre Religion traditionell eher im Verborgenen aus, weil sie als Freigeister unter den Muslimen im Lauf der Geschichte unterdrückt wurden. Sayimas Drang, den Schwachen zu ihrem Recht verhelfen zu wollen, erklärt sich wohl auch aus dieser Tradition.

Sie versucht es mit Demut zu tun. Nie würde sie nach einer unentgeltlichen Rechtsberatung sagen: „Ich helfe anderen“ und damit eine „gönnerhafte Position“ einnehmen. Aus ihrer Sicht fühlt sich ein Mensch schlecht, der auf Hilfe angewiesen ist. Bei gönnerhafter Hilfe würde eine Hierarchie entstehen. Sayima wird sich ihm „auf Augenhöhe“ zuwenden, indem sie seine Qualitäten anspricht, ihn in ein Gespräch einbezieht. „Als Gebender muss man auch Nehmender sein können“, meint sie.

Auch zu diesem Thema hat Sayima eine Geschichte parat: Sie kauft sich gelegentlich ein Kebab, immer bei demselben Dönerstand. Und immer gibt sie ein kleines Trinkgeld. Einmal sagt der Verkäufer: „Es ist nicht nötig, dass du jedes Mal mehr bezahlst.“ Sayima antwortet: „Eines Tages werde ich kein Geld bei mir haben. Wirst du mir trotzdem ein Kebab geben?“ „Aber natürlich“, sagt der Verkäufer. Sayima: „Aber ich werde ein anderes Gesicht haben. Machst du es auch dann?“

Ihre psychosoziale Beratungskompetenz schöpft Sayima aus der eigenen Erfahrung. So, wie sie ihr eigenes Verhalten reflektiert, beobachtet sie gern auch andere Menschen. Wie bei einem Familienbesuch in ihrer Wohnung: Ihr Bruder, seine deutsche Frau und das zweijährige Kind sitzen am Wohnzimmertisch. Das Kind, obwohl schon relativ groß, soll von der Mutter gefüttert werden, damit es nicht den Tisch schmutzig macht. Sayima bemerkt den Druck, der sich zwischen Mutter und Kind aufbaut. Plötzlich tatscht das Kind in den Teller, so dass der Brei auf die Tischdecke spritzt. Mutter und Vater lachen. Sayima lacht nicht. Hier geschieht eine Steuerung des Kindes, denkt sie. Was lernt das Kind in diesem Moment? Dass es die Eltern glücklich macht, wenn es beim Essen auf den vollen Teller haut. Später wird sich niemand daran erinnern, warum das Kind es (vermeintlich absichtlich) immer wieder tut.

In den türkischen und arabischen Vätergruppen, die wöchentlich in den Vereinsräumen stattfinden, geht es immer wieder um dieselben Probleme: Ehe, Scheidung, Erziehung, Schule, Sprachförderung, Behörden, Spielsucht u.v.m. Die Gruppen werden von einem Sozialarbeiter geleitet; aber es ist auch immer eine Sozialarbeiterin dabei, damit die Probleme aus männlicher und weiblicher Perspektive betrachtet werden können. Wenn beispielsweise die Anwesenden über die deutsche Verwaltung abschätzig sagen, sie sei mit „Nazis“ besetzt, weil sie sich dort vielleicht nicht ausreichend verständigen können, so lautet für Sayima das Gegenargument: Wenn die Deutschen von euch sagen würden, das sind alles „Türken“, obwohl ihr aus verschiedenen Ländern kommt, würde euch das gefallen? Es geht um Menschen! Alle wollen, dass man sich mit Respekt begegnet!

In den Frauengruppen, wo meistens Mütter zusammenkommen, ist die Problemlage wieder anders. „Die Frauen hatten bewusst entschieden, sich für die Familien zu opfern und nahmen alles hin, um die Familien zu retten, verloren selbst aber alles.“, meint Sayima. „Sie müssen lernen, dass sie die Familien nur dann retten können, wenn sie aufhören Opfer zu sein. Wenn sie kein Opfer mehr sind, kann der andere nicht mehr Täter sein.“ Wenn ein Ehemann zu Gewalttätigkeiten neigt, wird Sayima seiner Frau raten: „Nimm Gewalt schon im Anfangsstadium nicht hin. Hilf ihm in eine Beratungseinrichtung zu gehen und du rettest deinen Mann davor ins Gefängnis zu kommen. Deine Kinder sollen ihren Vater nicht verlieren. Nimm dich wieder als Mensch wahr. Stärke dein Selbstbewusstsein!“ Sayima will den Blick für beide Seiten öffnen, damit die Frauen sehen können, warum die Aggression entsteht.

Der Verein bietet auch Projekte in Schulen und Kitas an, damit Eltern, die nicht gut Deutsch sprechen, darüber informiert werden können, was in der Schule läuft. Diese Eltern kommen erfahrungsgemäß nicht zu den Elternversammlungen, weil sie sich schämen. Sie werden in ihrer Sprache persönlich eingeladen und von einem Sozialarbeiter über die Schulangelegenheiten in Kenntnis gesetzt. Diese direkte und persönliche Einladung wird, wie unter Türken üblich, in blumiger Bildersprache ausgedrückt, wie: „Mein Herz ist für dich geöffnet...“. Das bloße Verteilen von Flyern, wie unter Deutschen üblich, ist eher zwecklos. Die Türken lesen sie nicht. „Sie schauen einem lieber in die Augen. Dann ist man als Mensch angenommen“, erklärt Sayima.

Zum Abschluss hält Sayima ein Plädoyer für die Notwendigkeit der Kommunikation eines jeden mit jedem. „Die Menschheit hat das Wissen und könnte sich auf die eigene Sprache sowie zusätzlich auf eine weitere Weltsprache verständigen, die weltweit unterrichtet wird“, meint sie. Die eigene Kultur und Landessprache würde erhalten und gepflegt werden. Die Weltsprache (beispielsweise Englisch) könnte durch die lernenden Kinder eine Grundverständigung innerhalb einer Generation erreichen. Wenn Frauen in der Frauengruppe an der deutschen Sprache verzweifeln sagt Sayima, dass jede Sprache mit einer „Jungfrau“ vergleichbar ist. Hast du dich deinem Mann gleich hingegeben? Nein, natürlich nicht. So verhält es sich auch mit der Sprache. Sie braucht Zeit und Zuwendung mit echtem Interesse und dann wird sie sich dir öffnen, weil du sie wertschätzt. „Das Beherrschen der Sprache des Landes, in dem wir leben wollen, in unserem Fall Deutschland, ist für jeden unerlässlich, um zufrieden und sicher leben zu können. Automatisch erfahren wir dann viel mehr über das Land – aber vor allem können wir unsere (deutschen) Mitbewohner viel besser kennenlernen.

Das Fremde wird bekannt.“