Freitag, 28. April 2017

31. Erzählcafé im Körnerkiez


Donnerstag, 20. April 2017

Günter Meyer
Von der Eifel bis Berlin – Stationen meines Lebens

1. Langenhagen

Geboren bin ich im Februar 1940 in einer kleinen Eisenbahner-Siedlung in einem Gleisdreieck in Hannover-Langenhagen. Meine Eltern waren zwei Jahre vorher mit zwei Söhnen und einer Tochter aus einem kleinen Eifeldorf hierhergezogen. Mein Vater hatte hier eine Arbeit bei der Eisenbahn gefunden.

Einer der Mieter hatte Gänse, die frei rumliefen. Als Dreijähriger machte ich öfter Bekanntschaft mit ihnen: wenn sie mich sahen, wollten sie mich sofort zischend verfolgen. Glücklicherweise haben sie mich nie beißen können, weil ich schnell genug weg gerannt bin. Ein anderes Mal wollte ein erwachsener Mann mir Angst machen. Er nahm mich und hielt mich über einen tiefen, offenen Brunnen und sagte: „Ich lass dich da rein fallen!“ Meine Mutter stand dabei. Leider war sie wohl überrumpelt und nicht selbstbewusst genug, um einzuschreiten.

Andere Erinnerungen haben mit dem Krieg zu tun. Um uns vor Bombenangriffen zu schützen, gingen die Bewohner unseres Hauses in den Keller, später in eine Aushöhlung in den nahen Bahndamm. Irgendwann mussten wir ins Zentrum Langenhagens gehen, zu einem großen Bunker mit sehr dicken Betonwänden. Manchmal schafften wir es nicht, weil meine Mutter mit ihren vier Kindern nicht zeitig genug los gekommen war. Dann gingen wir auf dem Weg in eine Fabrik mit einem Behelfsbunker für Zwangsarbeiter. Hier musste man über Bohlen laufen, weil alles unter Wasser stand. Ob es Gespräche zwischen den Zwangsarbeitern und Deutschen gegeben hat, kann ich mich nicht erinnern. Immer waren wir dort nachts, alle wollten wohl schlafen.

Die kleinen Kinder haben im Bunker auf dem Schoß ihrer Mütter gesessen. Die größeren Kinder haben mit einander gespielt: die Mädchen mit dem Fadenspiel, Jungens halfen im Bunker mit, Sauerstoff mit Kurbeln in die Räume zu pumpen. Einmal saß ein dicker Mann am Ende unserer Bank. Auf ein Zeichen standen alle auf und der Mann fiel auf den Boden. Alle freuten sich darüber.

Kurz vor Kriegsende gab es ständig Bombenangriffe, so dass wir tagelang im Bunker bleiben mussten. Zwei ältere Geschwisterkinder aus dem Gleisdreieck haben so lange auf ihre Mutter eingeredet, bis sie sie gehen ließ, um Spielsachen zu holen. Als sie im Haus waren, gab es einen Bombenangriff. Das Haus, indem sie wohnten, wurde total zerstört, die anderen nur zum Teil. Unser Haus so, dass niemand mehr hinein gehen konnte, nicht mal um Anziehsachen zu holen. Am folgenden Vormittag haben wir uns das Unglück angesehen. Da lagen die beiden Kinder in Teppiche gerollt am Rande der Trümmer.

Wir schliefen einige Nächte bei Verwandten von bisherigen Nachbarn. Schon nach wenigen Tagen war uns das Schlafzimmer einer Familie in einer Zwei-Zimmerwohnung zugewiesen worden. Hier schliefen wir zu fünft im Ehebett. Meine Mutter hat im Juli vom Wohnungsamt eine Wohnung zugewiesen bekommen. Sie lag im Zentrum von Langenhagen. Unsere Verwandten in Röhl erfuhren gleich nach dem Krieg über mehrere Ecken, wie es uns in den letzten Kriegswochen ergangen war: “Ausgebombt, aber noch alle am Leben“.

In den letzten Kriegstagen hatte mein ältester Bruder gehört, dass im Mittellandkanal ein Versorgungsschiff mit Lebensmittel geplündert wurde. Er kam mit einem großen Karton mit Traubenzucker (Dextropur, die kleine Packung war ebenso eingepackt wie heute) nach Hause. Das war eine große Hilfe. Wir hatten Zucker und wir hatten etwas zum Tauschen.

Auch nach dem Krieg hatten wir großes Glück. Viele Kinder verunglückten, weil sie mit Munition spielten und in Ruinen nach Essbarem und Tauschbarem suchten. Mein ältester Bruder hatte aus Sprengstoff von Patronen Knallfrösche machen wollen. Dabei hat er sich an Händen und Armen verbrannt. Sonst gab es bei uns keine Unfälle.

Unser Vater kam schon im August 1945 aus englischer Kriegsgefangenschaft nach Hause. Da hatten wir schon unsere Dreizimmer-Dachwohnung. Im Jungen-Zimmer konnte man durch die Decke den Himmel sehen. Das hat mein Vater gleich repariert. Überhaupt gab es kaum Arbeiten, die er sich nicht zutraute und er konnte organisieren, dazu gehörte in Maßen auch zu stehlen. Im Gleisdreieck hatten wir einen großen Garten. Dort wurden Hühner gehalten. Eine Anlage um Schnaps zu brennen, hatte mein Vater gebaut. Der Schnaps wurde vor allem an die englischen Besatzungssoldaten verkauft. Ende 1945 wurde der Flughafen in Langenhagen parzelliert. Mein Vater hatte da zwei Morgen Land gepachtet, um Getreide und Kartoffeln anzubauen. Nach der Währungsreform 1948 suchte er mit meinen älteren Brüdern Altmetall. Einmal fanden sie unter der Erde an einem Wegrand das Wrack eines im Krieg abgestürzten Flugzeugs. Das waren mehr als 1000 kg Aluminium für 2,30 DM/kg. Das alles machte mein Vater neben seiner Arbeit als Eisenbahner auf einem Stellwerk.

Im September 1946 gebar meine Mutter noch eine Tochter. Ich war gerne jüngstes Kind: von allen Hilfe zu bekommen, beschützt zu werden, im Mittelpunkt zu stehen. Diese Rolle ging an die jüngere Schwester. Vorher, als mein Vater wieder da war, hatte ich schon den besonderen Platz neben meiner Mutter, verloren. Beides machte mir psychische Probleme.

Weihnachten in meiner Kindheit: Den ganzen Dezember über sangen wir erst Nikolauslieder, dann Weihnachtslieder. Selbst in dieser Zeit machte unsere Mutter für uns Kekse und Süßigkeiten. Weihnachten 1945 gab es Marzipan aus Weizengrieß und Margarine. Puderzucker wurde aus dem Traubenzucker gemacht. Künstliches Aroma gab es sogar in dieser Zeit zu kaufen. Für einfache Mürbeteig-Kekse wurde Melasse verwendet, die uns ein Onkel besorgte, der in englischer Kriegsgefangenschaft in einer Zuckerfabrik bei Hannover arbeitete.

Ich erinnere mich an ein besonderes Reinemachen der Wohnung vor Weihnachten. Meine Mutter hatte dabei fünf Kinder „anzuleiten“, was ihr in aller Regel auch gut gelang. Wir Kinder waren in einer merkwürdigen Stimmung, so als ob wir uns verschworen gehabt hätten, unsere Mutter bei der Arbeit zu boykottieren. Alles, was sie uns sagte, machten wir nur sehr widerwillig. Zwei von uns stritten sich, mein Bruder schubste meine Schwester. Sie fiel gegen den Küchenschrank und brach dabei ein vorstehendes Teil von einer Schublade ab. Der Donner, der darauf erfolgte, reichte noch nicht aus. Erst als mein anderer Bruder anfing mit einem Ball zu spielen und der Ball  in den Eimer mit dem Aufwischwasser fiel und schmutziges Wasser auf die schon gewischten Dielen spritzte und meine Mutter ihm den Eimer mit dem Aufwischwasser über den Kopf gestülpt hatte, kamen wir zur Besinnung. Ich weiß nicht mehr, ob wir uns getraut haben zu lachen. Jedenfalls von da an flutschte die Arbeit.

Heiligabend war wie ein normaler Samstag: Nachmittags hatte jedes Familienmitglied eine gewisse Zeit, sich in der Küche im Stehen an einer Schüssel mit warmem Wasser von oben bis unten zu waschen. Zum gemeinsamen Kirchgang und zur Bescherung zogen wir unsere Sonntagssachen an. Das waren in den ersten Jahren nach dem Krieg für jeden eine Jacke und eine Hose aus dickem, sperrigem Zeltleinen. Die englischen Militärzelte dafür hatte mein Vater organisiert/geklaut und eine Schneiderin, die zu den Leuten nach Hause kam, hatte sie genäht. Weit konnten wir in dieser Kleidung nicht gehen, sonst wurden wir wund zwischen den Oberschenkeln.

Im Jahr nach der Währungsreform bekam jedes Kind auch einen großen Weihnachtsmann aus Schokolade, eingepackt in Stanniol. Jeder aß seinen Weihnachtsmann gleich. Wohl auch, um nichts abgeben zu müssen. Meine ältere Schwester dagegen hob sich den Weihnachtsmann noch wochenlang auf. Irgendwann bereitete sie alles vor, um aus dem Verspeisen des Weihnachtsmannes ein kleines Fest zu machen. Nur, als sie zur Tat schritt, war er ganz leicht geworden, weil fast nur noch Stanniol übrig geblieben war. Die Schokolade hatte mein zweitältester Bruder und ich nach und nach kunstvoll, ohne das Stanniol zu verletzen rausgebrochen. Auf das dann folgende Drama hatten wir uns schon die ganze Zeit eingestellt. Wir gaben ihr die Schuld, weil sie uns in Versuchung geführt hatte.

Als 12jähriger war ich Zeuge eines schweren Unfalls. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs zu einem Freund und fuhr bei einem Nachbarn vorbei. Er war den Vormittag über mit seinem neuen Motorrad beschäftigt, hatte es auseinander genommen, gereinigt und geölt und dann ohne große Mühe wieder zusammengesetzt. Kein Teil war übrig geblieben! Er war sehr zufrieden mit sich. Zum Abschluss wollte er eine Probefahrt machen. Ich fuhr weiter. Er hat mich dann auf seinem Motorrad überholt, nur mit einer Badehose bekleidet. Ich hätte es hören müssen, dann am Unfallort, grauenvoll: Sein linkes Bein war am Rumpf abgerissen und lag auf einer Seite der Straße, das Motorrad auf der anderen Seite. Daneben lag er in einer Blutlache.

Wie konnte das an dieser vollkommen übersichtlichen Kreuzung passiert sein? Von links kam der am Unfall beteiligte Volkswagen. Der Nachbar fuhr schneller, um noch vor dem Volkswagen über die Kreuzung zu kommen. Der Autofahrer aber auch! Also der Nachbar wohl noch schneller. Und dann hat es gekracht. Wie er da lag, schien ihn eine große Gelassenheit ergriffen zu haben, wohl wegen der Unausweichlichkeit seines Todes. Er schrie nicht, weinte nicht. Obwohl wach, kam kein Ton aus ihm. Leute kamen, einer hielt seinen Kopf im Schoß und mehrere versuchten seine Blutgefäße am Rumpf zusammen zu drücken. Das gelang aber immer nur kurz, dann rutschten sie aus den Fingern. Als der Rettungswagen kam, war er schon tot.

Als meine Geschwister mit einer Lehre begonnen hatten, übernahm ich ihre Aufgaben in der Familie als Einkäufer und zusammen mit meinem Vater die Betreuung eines Schafes und einer Ziege, die wir auf dem Hof im Schuppen hielten. In meiner Erinnerung habe ich das gerne gemacht. Ich musste nicht immer wieder dazu angehalten werden.

Nach acht Jahren Volksschule begann ich eine Buchdruckerlehre. Die Druckerei war auf dem Hof des großen Mietshauses, in dem wir wohnten. Die ersten Monate waren wie eine Initiation. Danach war ich neu ausgerichtet, war ein Sozialist geworden und wurde Mitglied der IG Druck und Papier. Meine Eltern und Geschwister wunderten sich darüber, dass ich für so was Geld ausgebe.
2. Röhl

Unsere Vorfahren stammen aus der Südeifel, aus kleinen Dörfern des Bitburger Landes. Die beiden Großeltern und die meisten Onkel und Tanten wohnten in Röhl.  Sie waren kleine Bauern und Handwerker.

Da unser Vater Eisenbahner war, bekamen wir zwei Freifahrtscheine im Jahr. Damit fuhren wir zweimal im Jahr von Hannover in die Eifel.  Im Krieg  waren wir 1 1/2 Jahre dort. Als wir 1944 auf der Rückfahrt durch einen größeren  Bahnhof  fuhren, hörten wir Bombenalarm. Der Bahnhof war menschenleer. Wir fuhren wie in einem Geisterzug langsam ohne Anhalten durch den Bahnhof

Im Sommer 1947 fuhr die Familie zum ersten Mal nach dem  Krieg wieder zusammen nach Röhl. Unser Vater blieb zu Hause. Er musste sich um unsern Garten, die Hühner und das Land auf dem Flughafen  kümmern. Er hatte uns vorher in den nach Köln bereitgestellten Zug eingeschleust. Die Züge waren unvorstellbar voll, nicht nur innen, sondern  auch außerhalb der Züge standen und saßen Leute: auf den Dächern, den Prellböcken, den Trittbrettern. Über den Rhein sind wir in einem offenen Boot gefahren. Zwischendurch war die Strecke nur noch einmal zerbombt. Wir mussten ein längeres Stück mit einem LKW fahren.

Im nächsten Sommer  war die ganze Strecke schon wieder befahrbar. In Köln gingen wir in den Wartesaal. Die Währungsreform hatte schon stattgefunden. Deshalb gab es wieder alles. Wir Kinder hatten von  Coca Cola gehört und wollten sie probieren. Unser Vater bestellte eine normale kleine Flasche für alle. Einer von uns  trank davon und fand,  dass der   Inhalt verdorben sei. Wir  andern probierten auch,  schlossen uns dieser Meinung an. Unser Vater musste sich widerstrebend beim Kellner beschweren. Der hielt uns für verrückt, "so schmeckt das", sagte er und schüttelte den Kopf. Vielleicht hat  dieses Erlebnis bewirkt, dass ich Coca Cola  bis heute  mit etwas Verdorbenem  verbinde.

In Röhl war das in den 50er Jahren so: Zu fast jedem Haushalt  gehörte ein landwirtschaftlicher Betrieb und  oft ein Handwerker, der vor Ort arbeitete oder im Sommer ins Ruhrgebiet oder nach Luxemburg  zum Arbeiten ging. 100 Wohnhäuser standen in Röhl und 600 Einwohner  lebten hier. Das Dorf war wie ein Organismus. Alle konnten von ihrer Arbeit leben. Man hätte viele Arbeiten auch selber machen können. Das tat man aber nicht, sondern beschäftigte den Handwerker.

Es gab Brennereien/Keltereien , um Schnaps und um Apfelwein und Apfelsaft herzustellen.
Friseure, die in die Wohnungen der Leute kamen,
Milchkontrolleur,  als Nebenjob,
Schlagmeister für den Wald, der half dem Förster, plante das Fällen von Bäumen und das Auspflanzen kleiner Bäume,
Schmiede, für das Beschlagen der Pferde, Ochsen und Kühe mit Hufeisen
Schneider, die von Hand genäht haben,
Stellmacher, die haben die bäuerlichen Wagen gebaut und repariert,
Küfer, die Holzfässer hergestellt haben,
Es gab vier sehr kleine  Einzelhandelsgeschäfte. In einem von ihnen hat ein Mann verkauft, der war ganz dick und unbeweglich. Der ging nicht hinter seiner Theke weg. Seine Toilette war auch da. Da drin war es so schwarz, wie in einem Schornstein. Petroleum, Lebensmittel, alles hat er mit seinen dreckigen Fingern angefasst.
In andern Läden musste man erst nach jemandem suchen, der einem was verkaufen konnte. Wir Kinder  waren damals sehr zurückhaltend und schüchtern. Meistens warteten wir bis jemand von sich aus  kam. Das konnte lange dauern.
Am Rande des Dorfes gab es  mehrere  Steinbrüche. Aus den Natursteinen wurden Gebäude und Straßen gebaut und man brauchte sie,  um den  Kalkofen zu betreiben. Beides war für uns Kinder total interessant. Der Kalkofen basierte auf  einer Jahrtausende alten Technik. Man baute ihn dort, wo es einen Felssprung gab.  Da hinein baute man ihn, ca. 5m hoch und mit einem Durchmesser von 2m. Im Kalkofen wurde drei Tage lang ein Holzfeuer in Gang gehalten. Dann war aus den Steinen ungelöschter Kalk geworden. Um ihn als Mörtel zu verwenden, musste er mit Wasser zusammen gebracht werden.
Dann gab es noch  Gaststätten, Elektriker, Hausschlachter, Hebamme, Installateur, Maler,
Maurer, Schlosser, Schreiner, Zimmermann, Schuhmacher.

Viele Arbeiten fanden auf der Straße statt  (zum Beispiel der Stellmacher hätte einen sehr großen Arbeitsraum gebraucht) oder in Gebäuden, die  für alle zugänglich waren (zum Beispiel in die Brennereien konnte man hineingehen, um sich Schnaps zu kaufen, aber auch nur wie ich, um zuzusehen).

Sozial differenzierte sich das Dorf in Bauern, Handwerker, die in der Regel auch eine kleine Landwirtschaft hatten und in arme Leute ohne Land. Da es noch keine Traktoren gab, war die soziale Schichtung orientiert an den Tieren, die man vor den Wagen und das landwirtschaftliche Gerät spannte. So gab es Pferdebauern, das waren die wenigen großen Bauern, die Ochsenbauern, die  Kuhbauern und Leute, die nur ein paar Ziegen hatten, die sie an Wegränder zum Fressen führten.

Es gab keine zentrale Trinkwasserversorgung, an die jedes Haus angeschlossen gewesen wäre. Stattdessen gab es im Dorf mehrere Stellen, wo kontinuierlich Wasser in große Sandsteintröge  floss. Von hier holte man sich Wasser für den Haushalt,  die Frauen kamen, um Wäsche zu Waschen und man kam mit Kühen, Pferden und Ziegen, um sie zu tränken.

Dann gab es noch einen weiteren Grund, der die Leute zusammengebracht hat.  Die Feldgrößen waren wegen des Erbrechts sehr klein. Die kleinen Bauern hatten  zum Beispiel 30 Morgen=7,5 Hektar Land, vielleicht an 10 bis 20 Stellen in der Gemarkung verstreut. An jedem Tag ging man zu mindestens einem Acker, im Frühjahr und Sommer öfter. War alles o. k.? Waren Wildschweine dagewesen, die den ganzen Acker aufgerissenhatten?

Heute hat Röhl nur noch  400 Einwohner. Die Zahl der Häuser hat sich aber verdoppelt; die Wohnfläche hat nochmal zugenommen, weil oft Ställe und Scheunen in Wohnflächen umgewandelt worden sind. Die Häuser sind nicht mehr so voll mit Menschen. In jedem Haus wohnt nur noch eine Generation, ganz selten zwei.  Junge Leute sind weggezogen und haben ihre Familien dort gegründet.  Die Kinderzahl in den Familien hat stark abgenommen hat.  Kinder sind deshalb im Ort kaum noch zu sehen.  Auch, weil es im Dorf keine Schule mehr gibt. Es gibt schon eine ganze Reihe alter leerstehender Häuser, aber auch  alte Häuser, die von Städtern in Ferienhäuser umgewandelt worden sind. Früher kamen nur neue Leute nach Röhl, die in eine Familie eingeheiratet haben. Heute wohnen auch Ortsfremde in Röhl, die hier Häuser gebaut haben.  (z.B. Luxemburger, die hier ein Grundstück gekauft haben und sich ein Haus gebaut haben, weil es hier für sie bezahlbar ist.) Früher gab es ein großes Gefühl von Zusammengehörigkeit. Heute lebt jeder für sich. Man ist nicht mehr auf den Anderen angewiesen. Es  gibt keine  Abhängigkeiten zwischen den Leuten, wenig Gelegenheiten, sich zu treffen. Heute fährt man in Geschäfte außerhalb. Im Dorf waren immer Leute unterwegs.  Heute sind die Straßen oft menschenleer. Heute gibt es fast in jedem Haushalt ein Auto.

Mit andern zusammen kommt man eigentlich nur, wenn man in die Kirche geht. Zum Gottesdienst kommen auch weniger. Früher hat einem der Pfarrer Angst gemacht. Sah man ihn kommen, ist man ihm aus dem Weg gegangen. Wenn mich der Pfarrer als Kind etwas gefragt hat, war ich vor lauter Aufregung schon blockiert,  konnte  nicht mehr denken.


3. Zürich

Von 1958 bis 1959 habe ich etwas mehr als ein Jahr in einer kleinen Druckerei in Zürich als Buchdrucker gearbeitet. Neben mir gab es noch einen Schriftsetzer, einen Rätoromanen. Eines Morgens erzählte er mir, dass er zum ersten Mal nicht in seiner Sprache, sondern in Deutsch geträumt hätte. Der Eigentümer der Druckerei kümmerte sich um Aufträge und konnte, wenn nötig auch als Setzer, Drucker und Buchbinder arbeiten. Mit ihm machte es Spaß, über Politik zu diskutieren. Er war reaktionär und ein Antisemit. Damals war man erst mit 21 volljährig. Deshalb wurde mir in der Schweiz keine Lohnsteuer abgezogen, nur der Rentenbeitrag. Dafür erhalte ich heute eine kleine Altersrente aus der Schweiz. Krankenversichert war ich über die Druckergewerkschaft.

Die ersten Wochen wohnte ich in der Jugendherberge in Zürich. Von hier aus habe ich den Arbeitsplatz und ein möbliertes Zimmer gesucht und mich angemeldet. Hier traf ich Schweizer, die Kontakt zu Ausländern suchten. Einer hat mich für eine privat organisierte Wandergruppe geworben mit Mitgliedern aus vielen europäischen Ländern. Da wurde ich Mitglied. Fast an jedem Wochenende fuhren wir mit der Eisenbahn in die Berge. Üblicherweise in eine Jugendherberge, für die einer im Tal einen Schlüssel holen musste und die andern tröpfelten dann nach und nach oben ein. In der Regel sind wir auf einen Berg gestiegen und wenn es regnete, haben wir Wanderlieder gesungen, manchmal ein ganzes Wochenende.

1959 bin ich auf eine Tramptour nach Südfrankreich, Spanien, Portugal und Marokko gegangen. Meine Schweizer Freundin Claudine wollte mitfahren, das wollte ich aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen aber nicht. Das hat sie mir zurecht übel genommen und wollte nichts mehr von mir wissen. 1959 war der Befreiungskrieg der Algerier von Frankreich. Da ich wie ein Algerier aussah, bin ich ständig von französischen Polizisten kontrolliert worden. In den Jugendherbergen waren viele Tramper wie ich. Zwischen denen gab es einen Austausch in allen für uns wichtigen Fragen. Von Perpignan an der spanisch-französischen Grenze wollte ich in vielen Etappen nach Madrid fahren. Der erste Fahrer, der anhielt fuhr nach Madrid. So bin ich dann in einem Rutsch dahin gefahren. Einerseits war das gut, andererseits auch schade, weil ich Zeit hatte und mir einzelne Orte ansehen wollte.

Von Madrid nach Lissabon war es genau umgekehrt, eigentlich schöner: wenig Verkehr, wenige fuhren weite Strecken, manchmal bin ich mit Bauern im Pferdewagen gefahren. Nachts habe ich meistens draußen geschlafen.

Als ich in Marokko in der Stadt Fez war, war eine Epidemie ausgebrochen. Wer in der Stadt war, musste drin bleiben. Ich wurde auch etwas krank. Nach einer Woche wurde die Ursache der Probleme bekannt: In gutes Öl war schlechtes gemischt worden. Da war ich sehr erleichtert.

Auf der Rückfahrt im Oktober nahm mich ein junger Mann aus Kassel zwei Wochen mit durch Südfrankreich. Anders als ich, hatte er sich auf die Reise gut vorbereitet. Ihm fehlte ein Gefährte. Wir waren unter anderem in Avignon, auf dem Mont Ventoux, in der Camargue. Nachts schliefen wir in seinem Zelt. Wir waren Freunde geworden. Leider pflegte ich so etwas nicht, weil ich zu viele Leute kennengelernt hatte.

1960 bin ich mit einem früheren Arbeitskollegen durch Jugoslawien und Griechenland bis nach Athen getrampt. Viele Erinnerungen habe ich an diese Reise (kleine Auswahl):
Ein LKW-Fahrer hatte uns von Zagreb mitgenommen. Er machte Umwege, um uns das neue Jugoslawien zu zeigen, unter anderem einen neuangelegten Stausee. Er war ganz stolz darauf.
In Griechenland war die Gastfreundschaft vor allem auf dem Land ganz außergewöhnlich.

Den Rest der Fahrt durch die Türkei, Syrien, Libanon, Jordanien und Israel bin ich alleine getrampt.
In Ankara war ich mal ein paar Tage ohne Geld. Da hab ich angefangen, einzelne Sachen aus meinem Rucksack zu verkaufen. Mit meinen Eltern hatte ich ausgemacht, dass sie mir hierher in einem Wertbrief Geld von meinen Ersparnissen aus der Arbeit in der Schweiz schicken sollten.
Die libanesische und die syrische Grenzstation lagen weit auseinander. Dazwischen waren Hirten, die auf ihren Flöten total romantische Musik machten. Ganz unangenehm fand ich die Fliegen, die aussahen wie Stubenfliegen. Im selben Moment wie sie sich auf der Haut niedergelassen hatten, bissen sie einen schon.
An der jordanischen Grenzstation sah sich ein Beamter den Inhalt meines Rucksacks etwas genauer an, sah meinen Kalender, in dem eine Adresse aus Haifa war. Der Grenzer: „Du willst nach Israel, du bist Jude, wir lassen dich nicht nach Jordanien“. Wie darauf reagieren? „Ich kann beweisen, dass ich kein Jude bin, ich bin nicht beschnitten.“ Schließlich fanden sie einen älteren Kollegen, der sich meinen Penis ansah. So ließen sie mich weiter gehen.

In Israel wollte ich in einem Kibbutz arbeiten. Ich habe mich in mehreren vorgestellt. Eigentlich brachten sie immer ein plausibles Argument gegen eine Beschäftigung vor: Aus Sicherheitsgründen hätte ich das von Deutschland aus schriftlich machen müssen. Schließlich kam ich für zwei Monate in einen Kibbutz in der Nähe des Gaza-Streifens. Hier gab es große Felder mit Baumwolle, einige Tage war ich Baumwollpflücker. Für die zweite Ernte wurde auf einem riesigen Feld mehrere Tage Zuckerrübensamen ausgesät. Ein junger Israeli fuhr den Traktor, meine Aufgabe war aufzupassen, ob der Samen frei fiel. Die Besonderheit dieses Kibbutzes war die Züchtung von Blumenzwiebeln. Ursprünglich war dieser Kibbutz von Nürnberger Juden gegründet worden.
Sie erzählten mir, wie ihre Gemeinschaft entstanden war. Auch damals wurde das Essen zu allen Tageszeiten im gemeinsamen Speisesaal eingenommen. Dort traf man sich auch, um die Arbeit des nächsten Tages zu besprechen.

Zurück bin ich mit dem Schiff in die Türkei gefahren, weiter getrampt, über Bulgarien, Jugoslawien, Österreich und die Schweiz.


4. Berlin

Seit Januar 1961 wohnte ich in Westberlin, zuerst bei Leuten zur Untermiete in der Lutherstraße, der Rosenheimer Straße und der Stübbenstraße. Gearbeitet habe ich in einer Druckerei in der Lüzowstraße.

Im Sommer wollte ich nochmal eine lange Reise machen, diesmal in die skandinavischen Länder. Bin durch Norwegen bis Hammerfest getrampt, dabei habe ich die Mitternachtssonne und die Tage ohne Dunkelheit erlebt. Weiter bin ich zum Inari-See in Finnland. Von dort wollte ich nach Schweden wandern. Ich war schon eine Woche gewandert, war bei den Goldgräbern am Lemenjoki. Zum Essen hatte ich nur Haferflocken mitgenommen. Das reichte, weil es unglaublich viele und große Heidelbeeren gab. Dann kam der 13. August 1961. „Das gibt Krieg“, war die Meinung der Leute hier. Bin dann innerhalb von ein paar Wochen zurück getrampt.

Seit 1962 hatte ich eine eigene Wohnung in der Kurfürstenstraße (auf der Schöneberger Seite zwischen Potsdamer Straße und dem Güterbahngelände) im 5. Stock im Seitenflügel, die Toilette war auf dem Hof, Miete 19,80 DM. In der Wohnung habe ich sieben Jahre gewohnt. Bei der Renovierung bin ich in die Fußstapfen meines Vaters getreten. Der erste Anstrich blätterte schon Tage später ab… Niemand kontrollierte mich, so habe ich viel gelernt, selbst Elektroleitungen habe ich verlegt.

Ich habe in der SPD und bei den Falken in Schöneberg mitgearbeitet. Ich war Kreisdelegierter der Schöneberger SPD. Bei der Bezirksbürgermeisterwahl hat mich einer, der als SPD-Kandidat von den Kreisdelegierten gewählt werden wollte, zu einem Gespräch eingeladen. Er fragte mich, ob ich als Schüler des Berlinkollegs mit meinem Geld auskommen würde. Er bot an, mir einen Studentenjob bei der Bewag zu besorgen, wenn ich ihn bei der Wahl unterstützen würde.

Auf einer Veranstaltung der Kreisdelegierten sprach Egon Bahr zum Thema „Wandel durch Annäherung“. Ich habe mich in der Diskussion zu Wort gemeldet. Als ich am Rednerpult stand, war ich leer im Kopf. Ich muss wohl angenommen haben, wenn ich am Rednerpult stehe, fällt mir schon etwas ein. Der Versammlungsleiter hatte wohl Mitleid mit mir, nahm mich von sich aus noch mal dran, ich brachte wieder nichts raus. Das hat mich Monate lang belastet. Das war für mich eine Lehre: Von da an habe ich mich immer vorbereitet, wenn ich auf einer Veranstaltung was sagen wollte.

Bei den Schöneberger Falken gab es eine Gruppe für ältere Jugendliche und Erwachsene, die sich mit Themen aus einer radikal linken Sicht beschäftigt haben. Hier hielt Rudi Dutschke schon 1962 einen Vortrag.
Eine andere Gruppe bei den Falken, darunter war ein Schriftsetzer und ich als Drucker, kaufte eine kleine handbetriebene Druckmaschine und andere Werkzeuge, die man für die Herstellung einer Zeitschrift benötigte. Damit haben wir die oppositionelle Falken-Zeitschrift „radikal“ hergestellt. Anfangs schrieben wir alle Artikel selber.

Seit 1963 war ich am Berlinkolleg, in 2 ½ Jahren habe ich Abitur gemacht. Seit Wintersemester 1965 habe ich Volkswirtschaftslehre an der FU studiert. Die ersten Semester war ich fleißig, dann begann die Studentenrevolte. 1967 war ich als ASTA-Mitglied für Finanzen gewählt worden. Der Haushalt des ASTA umfasste ca. 2 Millionen DM. In diesen Jahren hatte die Buchhaltung keinen besonders hohen Rang unter den Aufgaben des ASTA. Mein Vorgänger hatte mir eine total chaotische Buchführung hinterlassen. Ich hatte zwar Buchführung gelernt, aber nicht wie man in so einer Situation verfährt. Am Ende hatte ich ein Erfolgserlebnis, die andern ASTA-Mitglieder waren mit meiner Arbeit zufrieden und eine vom Abgeordnetenhaus eingesetzte Kommission zur Kontrolle der ASTA-Finanzen und der ASTA-Buchhaltung erhob keinen einzigen Einwand.

Im Juli und August 1968 war ich mit einer Gruppe von vier FU-Studenten in Prag. Wir hatten in einem Seminar ein Referat über die Wirtschaftsreformen in der der CSSR übernommen. Mit einer der Vieren, Barbara, lebe ich seit der Zeit zusammen, irgendwann haben wir geheiratet und haben einen Sohn zusammen. Nächstes Jahr ist Goldene Hochzeit, wenn es um die Zeit des Zusammenlebens geht.

Am Morgen des 21. August weckten uns unsere Wirtsleute in Prag mit „Österreich-Ungarn ist einmarschiert“. Da sie wenig Deutsch sprachen, holten sie uns an ihr Radio. In vielen Sprachen wurde eine TASS-Meldung verbreitet: „Von wichtigen Mitgliedern des ZK sind die Bruderländer gebeten worden einzuschreiten, um das Abgleiten der CSSR in den Kapitalismus zu verhindern.“ Beeindruckend war, wie die Prager vor allem die Soldaten der Roten Armee davon überzeugen wollten, dass die Wirtschaftsreformen auch im Interesse der andern sozialistischen Länder sein würden. Der politische Einfluss auf die Wirtschaft sollte eingeschränkt werden und die Beschäftigten in den Betrieben sollten mehr Mitspracherechte bekommen. Die Prager waren sehr aktiv, aber gegen so eine Übermacht hatten sie keine Chance.

Worum ging es in der Studentenrevolte? Wichtige Themen der Auseinandersetzung unter den Studenten und der linken Studenten in die Gesellschaft hinein waren die beabsichtigten Notstandsgesetze, der Krieg der Amerikaner in Vietnam, die verkrusteten Gesellschaftsstrukturen in Deutschland der 60er Jahre, die mangelnde Beschäftigung mit der Nazi-Vergangenheit, die Bürgerrechtsbewegung in den USA zur Gleichstellung der Schwarzen.

Diskutiert wurden typisch linke Fragen. Wer ist das revolutionäre Subjekt der sozialistischen Revolution? Marx hatte dafür die Arbeiterklasse entdeckt, Lenin Berufsrevolutionäre, Mao Tsetung, die chinesischen Bauern, Rudi Dutschke meinte, die Arbeiterklasse sei so manipuliert, dass sie für sozialistische Politik nicht mehr ansprechbar wäre. Für ihn waren die Studenten, Intellektuellen und Randgruppen das revolutionäre Subjekt.

An solchen Fragen entzündete sich ein Kampf um die richtige Linie und führte zu einer großen Zersplitterung der Studentenbewegung. Kommunistische Gruppen, die sich an der SED, an den Kommunisten Chinas, Nordkoreas, Albaniens, Kubas anlehnten. Trotzkistische Gruppen und anarchistische gab es schon länger. Es gab linke Gewerkschafter, die sich im Sozialistischen Büro organisierten. Einige Studenten hörten auf zu studieren und begannen in einem Betrieb zu arbeiten, um so die Revolution voranzutreiben. Ich fühlte mich eher einer ökologisch orientierten Alternativkultur zugehörig.

In diesen Jahren habe ich formell wenig studiert. Ich war in selbstorganisierten Gruppen und in Veranstaltungen der linken Studenten. In so einem Rahmen haben wir über mehrere Jahre die drei Bände des Kapitals von Marx durchgearbeitet. Solche Lesezirkel haben mich durch mein ganzes Leben begleitet. Jetzt bin ich auch schon wieder in einem.

Ich war in eine andere Welt geraten: Junge Leute, die diszipliniert wissenschaftlich arbeiten konnten, die Klarheit in ihren Gedanken hatten, druckreif redeten. Das beindruckte mich total, weil ich das nicht konnte.

Viele hassten ihre Väter, weil sie engagierte Nazis waren oder weil sie sich rausredeten: „hätten nichts gewusst“, „was hätten sie tun sollen“, „hätten niemanden getötet, immer vorbei geschossen“. Alle wollten, dass endlich Schluss mit dem Gerede über die NS-Vergangenheit und ihre Bewältigung gemacht werden soll. Hier ist es zu einer Änderung der Haltung der Deutschen gekommen, dazu hat auch die Studentenrevolte beigetragen.

Wie habe ich das Studium finanziert? Am Berlinkolleg bekam ich ein Stipendium von der Gewerkschaftsstiftung. Während der ersten Hälfte meiner Studentenzeit bekam ich ein Stipendium nach dem Honeffer Modell. Für Kinder, deren Eltern zu den Geringverdienern zählten. In der anderen Hälfte hatte ich einen relativ gut bezahlten Job als Tutor in Statistik.

Ein paar Jahre lebte ich in der Wohngemeinschaft meiner Frau (Augsburger/Ecke Nürnberger Straße). Als wir geheiratet hatten, bekamen wir eine Wohnung am Innsbrucker Platz.


5. Darmstadt

Irgendwie sind wir nach Darmstadt geraten. 1971 machte meine Frau ihr Examen in Soziologie. Sie hat sich für mehrere Stellen beworben. Ab 1972 arbeitete sie als Dozentin an der Fachhochschule Darmstadt.

Ich war, obwohl ich im 14. Semester studiert habe, noch nicht auf ein Examen eingestellt. Zum Glück hatte ich zur rechten Zeit Freunde, die mich zum Examen gedrängt haben. So habe ich ein Jahr nach ihr mein Examen in Volkswirtschaftslehre gemacht. Ende 1973 bekam ich eine Stelle als Referendar und später als Lehrer an der Martin-Behaim-Schule, einer kaufmännischen Berufsschule, in Darmstadt. Ich habe vor allem in Industriekaufleute-Klassen und in einer Schulform der kaufmännischen Weiterbildung unterrichtet. Die Arbeitsteilung war an dieser Schule gut gelöst: in der Berufsschule nach Berufen von Deutsch über Informatik bis zu den wirtschaftlichen Fächern, in der Weiterbildung hatte ich mich auf Volkswirtschaftslehre und Personalwesen spezialisiert. Bei den Industriekaufleuten war es so, dass von fünf Jahrgangsklassen drei Klassen aus Abiturienten bestanden. Für die Weiterbildung war Voraussetzung ein kaufmännischer Abschluss. In der Regel habe ich Erwachsene unterrichtet. Bis 2005, also 32 Jahre, war ich an dieser Schule.

Neben der Arbeit als Lehrer war ich aktiv in linksalternativen Gruppen und Bürgerinitiativen. Wir haben eine ÖKOOP gegründet. Damals gab es noch keine Bio-Produkte zu kaufen. Deshalb haben wir Produkte nach ökologischen Kriterien gemeinsam gekauft. 1980 trat ich den GRÜNEN bei. 1985 kandidierten wir zum ersten Mal für die Stadtverordnetenversammlung, auf Anhieb bekamen wir fast 10% der Stimmen. Vier Parteien waren im lokalen Parlament. Drei von denen bildeten eine Koalition gegen die GRÜNEN. Alles hatten sie abgesprochen. Wenn der GRÜNE keine Fragen oder Vorschläge zu den Tagesordnungspunkten hatte, aus denen sich dann eine Diskussion entwickelte, war die Sitzung in 5 Minuten zu Ende. Vier Jahre später hatten wir uns verdoppelt, nochmal vier Jahre weiter hatten die GRÜNEN 25,6%, es gab drei fast gleich große Parteien im Parlament: SPD, CDU, GRÜNE. Es gab verschiedene rot-grüne Koalitionen und jetzt eine grün-schwarze. Seit 2012 gibt es in Darmstadt einen grünen Oberbürgermeister, der vor einem Monat im ersten Wahlgang wiedergewählt worden ist. Von 1989 bis 1996 war ich Fraktionsvorsitzender der GRÜNEN in Darmstadt. 1998 bin ich wegen der Zustimmung zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr aus der Partei ausgetreten.

Meine Frau war seit den 90er Jahren am Aufbau des Wohnprojekts „Wohnsinn“ in Darmstadt beteiligt. Von 2008 an bis 2016 wohnten wir in dem neu erbauten zweiten Gebäude dieser Wohnungsgenossenschaft. In zwei Hausgemeinschaften wohnen ungefähr 150 Personen in 75 Wohnungen. Die Genossenschaft ist ein selbstverwaltetes Projekt, möglichst viel soll von den Bewohnern selbst geschafft werden. Nur die Buchführung wird nach außen vergeben und sehr wenig an Handwerksbetriebe.
Zwei Jahre war ich im Vorstand. Dann bin ich zurückgetreten und wir haben im Streit das Projekt verlassen. Wohin? Nur Berlin kam für uns in Frage: Hier kannten wir uns einigermaßen aus, hatten Freunde und unser Sohn lebt hier.

Solange ich Kommunalpolitiker war, hatte ich keine Lust und wenig Zeit größere Reisen zu machen. Mit Frau und Sohn mal ein paar Wochen nach England, Holland oder Belgien, mehr nicht. Mit meinem Sohn, als er zwischen 6 und 15 Jahre alt war, bin ich öfter in den Herbstferien nach Kreta, Ibiza, Mallorca und Elba gefahren.

All die Jahre in Darmstadt bin ich mit einem Freund fast jede Woche im angrenzenden Odenwald oder hessischem Ried gewandert. Beide Landschaften habe ich so gut kennen gelernt, auch schätzen gelernt, obwohl ich als ökologisch orientierter Mensch auch viele Probleme gesehen habe.

Seit 1995 bin ich wieder auf Fernreisen gegangen, erst nur in den großen Ferien und nach 2005 im Jahr mehrere Monate. Meistens bin ich nach Russland gefahren. Auf der ersten Reise dorthin habe ich im Ural Leute kennengelernt, die schnell gute Freunde wurden. Sie haben mich auf Bootswanderungen am Oberlauf von Nebenflüssen der großen sibirischen Flüsse mitgenommen. Anschließend an diese Bootswanderungen bin ich alleine in Sibirien in verschiedene Gegenden gefahren. Diese Russlandreisen mache ich mit Eisenbahn, Bus und im Sommer mit Schiff. Einmal war ich 3 ½ Monate unterwegs nach Vladivostok, auf der Rückfahrt bin ich zu dem Freund im Ural. Er nahm mich auf eine Dienstreise nach Magnitogorsk mit. Im dortigen Hüttenwerk konnte ich mich einer Betriebsführung anschließen. Danach sind wir mit anderen Freunden zusammen auf eine Bootswanderung gegangen. So ähnlich habe ich das oft gemacht.

Seit vier Jahren reise ich mit einem Freund und Dolmetscher. Über meine Reisen schreibe ich Reiseberichte. Es gäbe viel zu erzählen. Ein Beispiel will ich anführen.

Rundgang durch ein Tatarendorf am Rand von Tjumen.
Als wir zum Treffen kamen, standen ein Ehepaar und eine Frau da. Ich gab allen die Hand und sagte meinen Vornamen. Keiner der anderen Männer gab einer Frau die Hand, nur den Männern. Ich fragte nach. Die Antwort von allen war: "Hier macht man das so." Auch von den Frauen. Sie gaben niemandem die Hand und stellten sich nicht vor.

Arsen, der den Rundgang führte, erzählte uns am Anfang etwas über die Herkunft der sibirischen Tataren. (Es gibt noch Kasan- und die Krimtataren.) Viele waren mit der Goldenen Horde Dschingis Khans gekommen, als Söldner und als Freiwillige aus ganz unterschiedlichen Völkern. Sie vermischten sich mit Türken, die da schon länger lebten und mit den Ureinwohnern, den Mansi. Am Ende sprachen alle Tatarisch, eine Turksprache.
Arsen macht besondere Führungen. Er sagt nur das Wichtigste. Bisher waren immer Experten dabei oder man hatte Gelegenheit, sich über interessante Themen mit andern Teilnehmern zu unterhalten.

Das Ehepaar hatte im sibirischen Norden bei der Gasförderung gearbeitet. Sie konnten deshalb schon mit 55 Jahren in Rente gehen. Um in ihrer neuen Wohngegend vertraut zu werden, streiften sie überall umher. Sie stießen dabei an hohe undurchsichtige Blechzäune, um große Grundstücke herum. Sie: "Die reichen Leute müssen doch was zu verbergen haben und wollen ihr unrechtmäßig erworbenes Eigentum sichern."

Eine junge Frau sprach uns an, sie will ihren Traum verwirklichen, sie möchte jeden Quadratmeter der Welt erkunden. Sie sei aber nicht an Sehenswürdigkeiten interessiert, sondern an den Träumen und Gefühlen der Leute in den besuchten Ländern. Später fragte sie mich ernsthaft, ob ich ein Spion sei, weil ich fotografiert habe und in ein Heft schrieb.

Eine Frau erzählte von ihrer verstorbenen Mutter. Sie war als junge Frau im Krieg Zwangsarbeiterin in Deutschland. Sie war einer Bauernfamilie in Uelzen zugeteilt worden, sollte sich um die zwei kleinen Kinder der Familie kümmern und war neben dem Bauern die einzige Person, die Kühe melken konnte. Der größte Wunsch ihrer Mutter war, zu erfahren, was aus den Kindern geworden war. Jetzt wollte sie als Tochter diese Aufgabe übernehmen.

Ein alter Tatare, der mit uns ging, sprach immer wieder Leute in Tatarisch an, die er für Tataren hielt, aber sie antworteten in Russisch. Das enttäuschte ihn. Es war ja mal ein tatarisches Dorf gewesen und jetzt sprach wohl kaum noch jemand diese Sprache hier.

Am Wege hackten zwei Männer Holz. Sie hörten, dass wir nicht Russisch redeten. Sofort drängte es einen, etwas loszuwerden: "Mein Urgroßvater ist als Kulak zu vielen Jahren Lagerhaft im Norden Sibiriens verurteilt worden. Das nach der Revolution erhaltene Land ist ihm genommen worden. Die anschließende Verbannung verbrachte er in diesem Dorf. Wir als seine Enkel blieben hier.“ Einheimische wollen über so was nicht reden.

Damit wird man in Russland oft angesprochen.
Die Angst vor Spionen ist immer noch stark verbreitet.
Obwohl die russische Kultur eine europäische ist, stößt man auf anders geartete Traditionen, Gewohnheiten und Normen. Das macht solche Reisen für mich interessant.
Überall in Russland trifft man auf Menschen aus indigenen Völkern, deren Sprache am Aussterben ist.
Es gibt viele Erinnerungen an den stalinistischen Terror, von dem zunächst die Verurteilten, die „Volksfeinde“, betroffen waren, aber auch deren Frauen und Kinder hatten es schwer. Und wie ist es heute für die Einzelnen und die Familienangehörigen aus der Riesenarmee der Justizangehörigen und des Wachpersonals?
Und es gibt Erinnerungen an den 2.Weltkrieg, wo Angehörige gefallen sind, als Kriegsgefangene ermordet wurden. Andere waren als Zwangsarbeiter in Deutschland und als sie nach dem Krieg zurückkamen, wurden sie zum Teil zu sowjetischer Zwangsarbeit verurteilt.







30. Erzählcafé im Körnerkiez



Donnerstag, 16. März 2017

Magdalena Lovric´, Nachbarschaftsheim
Außerschulische Bildungsangebote und Hausaufgabenhilfe

Die Geschichte von Magdalena Lovric´wird im Lauf des Sommers 2017 erscheinen.

29. Erzählcafé im Körnerkiez


Donnerstag 2. März 2017

Ibrahim Ceylan, Geschäftsmann
www.ceylans.de


Der Geschäftsmann Ibrahim Ceylan lebt seit 1970 in Berlin. Er besitzt einen Familienbetrieb, in dem Gourmet-Feinkostsalate hergestellt werden, so wie sie von seiner Großmutter vor 70 Jahren in Anatolien gemacht wurden, ohne Chemie und Konservierungsstoffe. „Es ist ein bezahlbarer Genuss“, sagt Ibrahim, „und man kann davon leben.“ Bis es dazu kam, war es ein steiniger Weg. Ibrahim berichtet humorvoll und ein wenig selbstironisch, wie er die schwierigen Hürden genommen hat.

Ibrahim erblickt 1953 in einem kleinen anatolischen Dorf das Licht der Welt. Das Dorf liegt in den Bergen auf 2.300 Meter Höhe. Im Sommer wird es nicht wärmer als 20 Grad, im langen Winter herrscht Eiseskälte. Die Menschen müssen fast immer eine warme Jacke tragen. Im Dorf leben alevitische Kurden weitab von den großen Städten. In den vergangenen Jahrhunderten wurden die Aleviten immer wieder von den sunnitisch geprägten Regierungen verfolgt, so dass sie sich ins Gebirge zurückgezogen haben. Sie sprechen untereinander Kurdisch. „Die Menschen lebten dort wie im Mittelalter“, sagt Ibrahim, „die meisten hatten noch nie eine Stadt besucht. Erst wenn die jungen Männer zur Armee mussten, lernten sie auch eine Großstadt kennen.“ Jeder Weg ist beschwerlich und kostspielig. Und so warten die Familien, bis mehrere Kinder geboren werden, um sie alle auf einmal in der Kreisstadt anzumelden. Es können schon einige Jahre vergehen. Der Standesbeamte schlägt Ibrahims Vater vor für seinen Sohn ein späteres Geburtsdatum einzutragen, dann könne er der Familie ein Jahr mehr bei der Landwirtschaft helfen, bevor er den Militärdienst antritt. So kommt es, dass in Ibrahims Pass das Geburtsjahr 1954 verzeichnet ist.

Im Dorf gibt es weder fließendes Wasser noch Strom, auch keine Geschäfte. Die Bewohner stellen fast alles selber her, was man zum Leben braucht. Zum Beispiel Schuhe. Das Leder stammt von einer geschlachteten Ziege, aus dem die Großmutter die Schuhe genäht hat. Beim Schlachten wird alles verwertet, nichts weggeworfen. Die Kinder tragen Sandaletten mit Holzsohlen. Erst Jahre später lernt Ibrahim richtige Schuhe kennen; da lebt die Familie aber schon in Ankara. Der Vater hat dort vor einigen Jahren eine Arbeit gefunden. Einmal im Jahr besucht er die Familie und übergibt das gesparte Geld dem Großvater, wie es Sitte ist. Dann bleibt er zwei Wochen und sorgt für weiteren Nachwuchs. Nach dem dritten Urlaub kündigt sich Ibrahims erster Bruder an.

Als Ibrahim vier Jahre alt ist, holt der Vater seine Frau und die beiden Söhne nach Ankara. Er ist Nachtwächter bei einem Holzgroßhandel und muss auf einem Riesengelände die offen gelagerten Paletten bewachen. Unterstützt wird er von einem Kollegen, der ebenfalls seine Familie mitgenommen hat. Beiden wird eine Unterkunft auf dem Werksgelände zugewiesen. Ibrahims vierköpfige Familie erhält eine Einzimmerwohnung, und der Kollege, ein Tatare, kann mit seiner Frau und drei Töchtern eine Zweizimmerwohnung beziehen. Die Kinder freunden sich an, aber sie können nicht miteinander sprechen, denn Ibrahim kann kein Türkisch.  Die tatarische Familie erscheint Ibrahim sehr modern, denn die beiden hübschen Mädchen tragen Miniröcke, und sie bringen ihm Türkisch bei. In das jüngere Mädchen, das ein Jahr älter ist als er, verliebt sich Ibrahim. Mit sieben Jahren wird Ibrahim in Ankara eingeschult.
1963 verlässt der Vater die Türkei und geht ins „gelobte Land“ ALEMANYA. Einmal im Jahr besucht er seine Familie für vier Wochen. Nach drei Jahren bleibt er ganz weg. Er schickt Geld, aber im Lauf der Zeit wird es weniger. Nun muss Ibrahim für die Familie Verantwortung übernehmen. Inzwischen hat er drei jüngere Brüder und ist 13 Jahre alt. Sein Onkel, Besitzer eines Kohlenlagers, wo auch Holzkohle verkauft wird, bietet ihm eine Arbeit an. Ibrahim hat angelieferte, in große Stücke geschnittene Baumstämme zu entladen und zu stapeln, den ganzen Tag lang. Erst arbeitet er nur samstags und sonntags, dann täglich. Nebenbei geht er zur Schule. Sein erster Bruder ist noch zu jung und kann noch nicht helfen. Nicht weit vom Betrieb des Onkels spielen die Nachbarskinder Fußball. Ibrahim schaut sehnsüchtig hin. Manchmal lassen die Kinder ihn mitspielen. Aber wenn der Onkel pfeift, muss er sofort aufhören.

Dann die Nachricht aus Deutschland: Die Familie soll nach Berlin kommen. Besorgt euch die Pässe, die Tickets schicke ich euch, schreibt der Vater. Die Vorbereitungen sind bald getroffen (man brauchte damals noch kein Visum), und die fünf warten nur noch auf die Flugkarten. Aber sie treffen nicht ein. Nach fast einem Jahr meldet sich der Besuch einer befreundeten Familie an, ein Ehepaar mit zwei Töchtern. Sie leben in Düsseldorf und machen jedes Jahr Heimaturlaub in der Türkei, dabei schauen sie stets bei den alten Freunden vorbei. Der Mann ist ein Arbeitskollege von Ibrahims Vater. Die Mutter erzählt, dass sie schon so lange auf die Tickets warten. Spontan macht der Besuch einen Vorschlag: Fahrt doch mit uns zurück nach Deutschland, wir sind mit zwei Autos da. Ein Freund ist allein in seinem Auto gekommen, den könnten wir fragen, ob er euch mitnehmen kann. Der Freund sagt zu. Abfahrt in zwei Wochen. Eilig löst die Mutter den  Haushalt auf und verschenkt die restlichen Möbel an die Verwandtschaft.

Endlich kommt der Tag, an dem die Mutter mit ihren vier Söhnen ins Auto steigt. „Über die abenteuerliche Reise selbst will ich keine Einzelheiten berichten, nur, dass wir mehrere Unfälle und Pannen hatten und dadurch fünf Tage und fünf Nächte unterwegs waren. Wir waren total erschöpft, als wir endlich Deutschland erreicht hatten“, sagt Ibrahim, „aber noch nicht unser endgültiges Ziel.“ Wegen eines Totalschadens in Österreich müssen sie für den letzten Abschnitt der Reise auf die Bahn umsteigen. In Duisburg steigen sie aus; der Fahrer wohnt ein halbe Autostunde entfernt. Sie beschließen ein Taxi zu nehmen. Da aber nicht alle mitgenommen werden können, sollen Ibrahim und Mahmut auf dem Bahnhof warten, bis sie abgeholt werden. Sie setzen sich auf eine Bank und fallen sofort in einen tiefen Schlaf. Nach 10 Stunden wacht Ibrahim auf. Es ist 6 Uhr morgens. Sein Blick schweift über den Bahnhof und stoppt bei einem jungen Paar, das sich küsst. Peinlich berührt dreht er den Kopf weg. Da sieht er noch ein eng umschlungenes Paar. Ibrahim glaubt seinen Augen nicht zu trauen. Mahmut, sagt er zu seinem Bruder, kneif mich bitte, oder träume ich? Da antwortet Mahmut: Du träumst nicht. Ich sehe das auch! „Das war mein erster Eindruck von Deutschland“, resümiert Ibrahim. „Noch nie habe ich ein sich küssendes Paar gesehen; nicht einmal meine Eltern haben sich vor uns einen Kuss gegeben.“

Jetzt meldet sich der Hunger, aber die Jungen haben kein Geld. Da kommt ein Mann mit einem schwarzen Schnurrbart vorbei. Den sprechen wir an, vielleicht ist es ein Türke, sagt Mahmut und bittet ihn erst einmal um Münzen für die Toilette. Als sie zurückkommen ist der Türke noch da. Mutig sagen sie ihm, dass sie hungrig seien, aber nichts bezahlen können. Der Türke verschwindet kurz und kommt zurück mit einer großen Tüte knackig-frischer Brötchen. „Was für ein Genuss! Es war herrlich in eines dieser Brötchen hineinzubeißen! Wir kannten doch nur das weiche Fladenbrot“, erklärt Ibrahim.

Dann kehrt endlich der Mann zurück, der sie mit seinem Auto nach Deutschland gebracht hat. Er sei auf dem Stuhl zu Haus eingeschlafen, sagt er entschuldigend. Er habe ein Telegramm nach Berlin geschickt und den Vater gebeten seine Familie abzuholen. Am nächsten Tag steht der Vater mit einem Auto vor der Tür, das er sich von einem Freund geliehen hat, und packt seine Familie ein. Es ist August 1970.

In Berlin wohnen sie alle zusammen in einer Einzimmerwohnung. Es dauert einen Monat, bis die Familie mitbekommt, dass diese Wohnung gar nicht dem Vater gehört, sondern einem Freund. Der Vater hat längst eine Freundin, bei der er auch wohnt. Dorthin kann er verständlicherweise seine Familie nicht mitnehmen. Es dauert noch vier Wochen, bis die Familie eine andere Wohnung findet. Seit 1971 gehen die Kinder auch zur Schule. Alle vier Brüder kommen in dieselbe Klasse. Sie sprechen noch kein Wort Deutsch und lernen die Sprache mit nur mäßigem Erfolg. Extra-Sprachkurse gibt es nicht.

Mit 17 Jahren verlässt Ibrahim die Schule und beginnt eine Arbeit in einer Polizeikantine. Zwei Jahre lang wäscht er Geschirr ab, hilft bei der Essenausgabe und erträgt, dass es jeden Freitag Fisch gibt, „diesen typisch deutschen Fisch!“ In der Spülküche kleben an allen freien Stellen große Zettel an den Wänden beschriftet mit Wörtern auf Deutsch und Türkisch. Was heißt Tisch, Teller, Topf auf Deutsch? Ibrahims Kollegen bemühen sich ihm besseres Deutsch beizubringen, und er gibt sich jetzt viel Mühe.

1973 ist Ibrahim so weit, dass er eine dreieinhalbjährige Lehre als Elektromonteur machen kann. 1974 schlendert er Hand in Hand mit einem Mädchen auf dem U-Bahnhof Kurfürstenstraße, küsst es und wundert sich über sich selbst: „Da war ich wohl endgültig in Deutschland angekommen!“

Kurz vor Abschluss der Lehrzeit laden ihn zwei Freunde zu einem Fest in Ost-Berlin ein. Ibrahim mag nicht, will sich aber lieber auf seine Prüfungen vorbereiten. Das akzeptieren die beiden nicht, denn Anlass des Festes ist eine Wohnungseinweihung, bei der Damenüberschuss erwartet wird. Die Gastgeberin würde sich über weitere männliche Gäste freuen. Eine überzeugende Begründung; Ibrahim sagt zu.

Noch nie ist Ibrahim über die Grenze gefahren und in Ost-Berlin gewesen. Das ist das erste Abenteuer dieses denkwürdigen Tages. Das zweite ist die Begegnung mit Silvia.
Sie wird ihm später erzählen, dass sie eigentlich gar keine Lust hatte auf die Einweihungsfeier ihrer Schulfreundin, weil drei Ausländer aus West-Berlin angekündigt wurden. Das konnten ja nur Türken sein. Ihre Mutter ermunterte sie jedoch. Nun hätte sie schon das Geschenk besorgt. Geh hin, du brauchst ja nicht lange zu bleiben, sagte sie.

Ibrahim und Silvia unterhalten sich gut auf dem Fest. Sie merken nicht, wie die Zeit vergeht. Im Morgengrauen fährt Ibrahim Silvia in seinem selbst verdienten und aufgearbeiteten Auto nach Hause. Silvia bittet ihn sie noch bis in die Wohnung zu begleiten, denn es sei ein bisschen spät geworden. Inzwischen ist es neun Uhr morgens. Silvias Mutter öffnet die Tür. Das ist Ibrahim, sagt Silvia. Lächelnd wird er hereingebeten. Ibrahim ist erstaunt. So viel Freundlichkeit hat er nicht erwartet. Woher kommen Sie? fragt die Mutter. Aus Anatolien. Liegt das in Armenien? Nein, in der Türkei. So beginnt das erste lange Gespräch mit seiner zukünftigen Schwiegermutter. Sie ist Opernsängerin in der Komischen Oper gewesen. Als Sopranistin sang sie alle wichtigen Titelrollen ihres Fachs und war eine Diva unter dem berühmten Regisseur Felsenstein. Auf Tourneen hat sie zahlreiche Städte des Ostblocks besucht. Weil ihre Stimmbänder verletzt waren, musste sie aufhören zu singen. Sie hätte in Italien oder in der BRD operiert werden müssen, doch sie bekam kein Visum. Man operierte sie in der DDR. Die Operation misslang, und ihre Karriere war damit beendet.

Von nun an fährt Ibrahim nach der Arbeit mehrmals wöchentlich über die Grenze, um seine Liebe zu besuchen. Bis 6 Uhr morgens muss er spätestens wieder ausreisen. Zwei Jahre später ändert die DDR das Gesetz, und West-Berliner müssen spätestens um 24 Uhr zurückkehren. Manchmal reist Ibrahim dann eine halbe Stunde später wieder nach Ost-Berlin ein. „Wenn man verliebt ist, macht man Dinge, die man sonst nicht tun würde“, kommentiert Ibrahim. Es ist eine aufregende, aber auch anstrengende Zeit. 1978 wird Maria geboren. Bei der Namensnennung lässt Ibrahim Silvia den Vortritt. „Wäre es ein männlicher Nachfolger, hätte ich ihm natürlich einen türkischen Namen gegeben.“  Sie stellen einen Ausreiseantrag, der ein Jahr später genehmigt wird. „Wir haben viel Glück gehabt“, meint Ibrahim.

Nach Beendigung der Ausbildung will Ibrahim endlich mehr Geld verdienen. Das geht am besten mit einem eigenen Geschäft, glaubt er und verzichtet auf eine Weiterbeschäftigung als Elektromonteur. Was liegt näher als ein Döner-Laden! „Es gibt so viele Türken mit einem Schnurrbart, die Döner verkaufen und noch nicht mal Deutsch sprechen. Was die können, kann ich schon lange, dachte ich damals.“ Ibrahim unterzieht sich einer dreitägigen Schnellausbildung im Dönerladen eines Freundes, fühlt sich danach als „Dönermeister“ und kauft für 70.000 DM ein Döner-Geschäft in der Bergmannstraße, für das er sich mit 35.000 DM verschuldet. Dann versucht er das Geschäft zum Laufen zu bringen. Jetzt ist auch der Zeitpunkt von Silvias Ausreise gekommen. Sie heiraten und wohnen zunächst mit Klein-Maria bei seinen Eltern. Der Dönerladen beansprucht viel Zeit, Ibrahim arbeitet täglich 16 Stunden und sieht seine Frau wenig. Trotzdem fährt das Geschäft kaum Gewinne ein. Schließlich verkauft er den Laden mit 35.000 DM Verlust.

Silvia und Ibrahim arbeiten ab jetzt in ihren Berufen, sie als Sekretärin, er als Elektromonteur. Nachdem ihre Schulden abbezahlt sind und es ihnen nach einigen Jahren wieder gut geht, besucht sie ein Freund, der einen Obst- und Gemüsestand auf Märkten betreiben möchte. Er schlägt Ibrahim vor, das Geschäft mit ihm gemeinsam zu betreiben, weil Ibrahim leichter als er an eine Gewerbeerlaubnis kommen kann. Ibrahim überlegt und sagt schließlich zu. Sie kaufen einen kleinen Bus und fangen mit „Obst und Gemüse“ an. Ibrahim arbeitet aber weiterhin auch in seinem Beruf. Nach einem halben Jahr trennen sich die beiden und teilen sich ihre vier Stände. Ibrahim macht mit zwei Ständen weiter. Nach einigen Jahren stellt er fest, dass er allein vom Obst–und –Gemüse–Verkauf leben kann und gibt seine Stelle als Elektromonteur auf.

Erneut ein folgenschwerer Besuch: Ein guter Freund verrät ihm, dass er beruflich umgesattelt hat und jetzt sehr viel mehr Geld verdient. Ibrahim wird neugierig: Wie machst du das? – Ich handele mit Aktien. Ibrahim nimmt es zunächst nur zur Kenntnis; das ist nicht sein Metier. Doch der Freund besucht ihn immer wieder auf dem Markt und wiederholt seine Worte, bis es Ibrahim genauer wissen will. In der Wohnung des Freundes schauen sie sich gemeinsam die Papiere von der Deutschen Bank an: für 10.000 DM gekauft, nach einigen Wochen für 20.000 DM verkauft. Der Freund zeigt ihm zwanzig Beispiele, alle mit hohen Gewinnen. Jetzt ist Ibrahim überzeugt, sucht ohne das Wissen seiner Frau die Bank auf und kauft auf Anraten seines Freundes japanische Optionsscheine für 20.000 DM. Nach 14 Tagen verkauft er sie für 30.000 DM. Da muss ein Fehler vorliegen, sagt sein verunsicherter Freund und erkundigt sich vorsichtshalber bei der Bank. Doch alles hat seine Richtigkeit. Ibrahim besorgt erst mal bei Kaiser’s eine Flasche Champagner. Und macht weiter. Alle Optionsgeschäfte werfen hohe Gewinne ab. Als er die 50.000 erreicht, gesteht er es seiner Frau: Nie wollte er sich in Bankgeschäfte einmischen, doch nun habe er es getan. Aus dem gemeinsamen Geld, 20.000 DM, sind jetzt 50.000 DM geworden. – Dann lass uns doch neue Möbel kaufen, antwortet Silvia.

15.000 DM geben sie für die neue Einrichtung aus. Ibrahim hat weiterhin Glück, er ist ja schon fast ein Wirtschaftsprofi. Nach zwei Jahren ist der Gewinn auf 850.000 DM angewachsen. Seine Frau schlägt vor 500.000 DM in die Schweiz zu transferieren. Aber Ibrahim ist vom Spekulationsfieber gepackt. Warte noch, meint er, ich möchte noch die Million erreichen, um einmal im Leben ein echter Millionär zu sein. Bei jedem Gewinn trifft er sich mit Freunden im KaDeWe zu frisch eingeflogenem Lachs aus Alaska und bestem französischen Champagner. Die Kosten von rund 400 DM sind doch Peanuts! Bei der Bank wird er nur noch vom Direktor empfangen, auch dort bietet man ihm Champagner an. Der Bankdirektor steht zwar den japanischen Optionsscheinen skeptisch gegenüber, aber Broker Ibrahim beweist dem studierten Wirtschaftsmann, dass das Geschäft funktioniert.

So läuft es zwei fette Jahre lang. Dann kommt die Ölkrise. Ibrahim lernt, dass die japanischen Optionsgeschäfte vom Ölpreis abhängig sind. Nach einem Monat sind seine Aktien nur noch 400.000 DM wert, nach zwei Monaten 200.000 DM. Ibrahim will es noch einmal versuchen, dazu überzieht er sein Konto mit 52.000 DM. Schließlich verliert er alles. Übrig bleiben die Schulden. Die Spekulation wurde zur Sucht.

Also wieder zurück zu „Obst und Gemüse“. Ibrahim hatte inzwischen alles verkauft und muss von vorn anfangen. Für einen Kredit wendet er sich an seinen Bankdirektor. Dieser ist aber nicht mehr für ihn zu sprechen. Er muss mit einem Angestellten vorliebnehmen, der seinen Kreditwunsch in Höhe von 30.000 DM ablehnt. Auch seine Freunde helfen nicht, sie alle hätten ihr Geld fest angelegt. Schließlich leiht ihm sein Bruder die notwendige Summe. Ibrahim sucht sich in der Stadt einen günstigen Platz, wo er seinen Stand aufbaut. Das Geschäft geht gut. Bald kann er für 30.000 DM ein Geschäft für Obst und Gemüse und weitere Lebensmittel erwerben, das er zwei Jahre später für 200.000 DM verkaufen kann. Ein zweites Geschäft bringt nach dem Verkauf 165.000 DM.
Mit diesen Erlösen kann Ibrahim seine Schulden in Höhe von 250.000 DM bezahlen. Letztlich musste er 365.000 DM dafür aufbringen, eine bittere Erkenntnis.

Einmal bereitet Ibrahim in der Küche seines Geschäfts für seine fünf Mitarbeiter das Essen zu. Ein guter Verkaufsabschluss soll gefeiert werden. Ein Kunde schaut herein und sagt: Es riecht hier so gut, was ist denn das? Eiersalat, antwortet Ibrahim und reicht ihm eine Kostprobe in einem Fladenbrot. Dem Kunden schmeckt es und er möchte gleich eine Portion mitnehmen. Leider geht das nicht, sagt Ibrahim, aber ich kann ihnen morgen frischen Eiersalat anbieten. Noch nachts werden zwei Kilo Eiersalat zubereitet und in die Theke gestellt. Das Rezept stammt von der anatolischen Großmutter, Ibrahim erinnert sich gut und hat ein begabtes Händchen für die richtigen Proportionen: Eier, Frühlingszwiebeln, Schnittlauch, etwas Petersilie, Olivenöl, Pfeffer und Salz. „Alles ohne Mayonnaise“, betont Ibrahim.

Zur großen Überraschung hat der Eiersalat reißenden Absatz. Jeden Tag werden die herzustellenden Mengen größer. Dann fällt Ibrahim ein noch einen Kartoffelsalat nach dem Rezept seiner Mutter (ebenfalls ohne Mayonnaise) anzubieten. Auch dieser kommt bei den Kunden gut an. Nach einiger Zeit zeichnet es sich ab, dass die Kunden stärker an den Salaten als an den anderen Angeboten interessiert sind. Warum nicht noch andere Salate herstellen? Ibrahim braucht mehr Rezepte und wendet sich an Mutter und Großmutter. Zwei Monate später legt sich Ibrahim einen Anhänger zu, stattet ihn mit seinen Salaten aus, stellt ihn an den Markttagen auf dem Boxhagener Platz auf und öffnet die Klappe. Die Leute stehen Schlange! Nach drei Monaten bekommt er das erste Kaufangebot für seinen Laden, und nach einem Jahr mietet er für die Salatherstellung eine Küche an.

Die Menge der täglich zu verarbeitenden Eier steigt ins scheinbar Unermessliche. Bisher wurde der Eiersalat zu Hause in Ibrahims Küche hergestellt. Frau und Kinder mussten mithelfen, täglich hundert und mehr Eier zu kochen, abzupellen und zu zerkleinern. Der Geruch verteilte sich in der ganzen Wohnung. Die Freude am Eiersalat sank auf den Nullpunkt. So ist die neue Salat-Küche als große Erleichterung zu sehen. Ibrahim schafft zwei weitere Anhänger an und macht einen Laden in der Frankfurter Allee auf. Für die Produktion braucht er jetzt noch mehr Platz und mietet  eine ausgediente Schulküche mit 300 Quadratmetern an. Schließlich kann er mit fünf Anhängern die Märkte bedienen. „Und so bin ich durch einen Zufall Feinkost-Hersteller geworden“, beendet Ibrahim dieses Kapitel.

Seine Frau ist längst ins Geschäft eingestiegen, hat alles mit aufgebaut und ist leidenschaftlich dabei. Schwierige Lebensphasen meistern die beiden mit Selbstbewusstsein, gegenseitigem Vertrauen und Humor. Ibrahim erinnert sich an die Anfangsphasen der Ehe, als die beiden mit Maria noch bei seinen Eltern wohnten. Kamen Verwandte zu Besuch mischten sie sich ein: Warum trägt Maria keinen türkischen Namen? Oder sie sagten: Du bist jetzt Muslima, Silvia, weil Du einen türkischen Mann geheiratet hast. Doch Silvia und Ibrahim machten deutlich, dass sie so leben wollen, wie sie es für richtig halten. Ibrahims Eltern ließen sie in Ruhe. Dann kommt das zweite Kind, wieder ein Mädchen, und Ibrahim darf ihm einen türkischen Namen geben: Phylis. Familienglück, Geschäft und Vermögenslage sind perfekt, als nach einigen Jahren Silvia an Parkinson erkrankt. Sie leidet an einer besonders schmerzhaften Form der Krankheit. 10 Jahre lang kämpft sie dagegen, schließlich verliert sie. 28 Jahre hat ihre Ehe gedauert. „Wir waren sehr glücklich verheiratet. Nie fiel ein böses Wort. Selbst als ich unser ganzes Geld verloren habe, machte Silvia mir keine Vorwürfe. Im Gegenteil, sie ermunterte mich zu einem Neuanfang, und ich versprach ihr keine ‚Experimente’ mehr zu machen.“

Das ist jetzt 13 Jahre her. Ibrahim hat sein Geschäft ständig weiterentwickelt. Mit Kaiser’s Tengelmann vereinbart er, dass er deren Supermärkte mit Salaten beliefert. Es gibt Anfragen aus dem Westen Deutschlands. Erneut stehen Erweiterungen an. Er erwirbt in der Oberlandstraße eine Produktionsfläche von 840 Quadratmetern, in der jetzt 8 Angestellte für die Herstellung seiner Feinkostsalate zuständig sind. Dazu gehört auch Tochter Maria. Sie ist gelernte Maskenbildnerin (die deutsche Oma war ja bei der Oper), inzwischen verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Doch nun sattelt sie beruflich um und steigt in das Geschäft des Vaters ein. Vielleicht wird sie es mal übernehmen. Wenn nicht, sind ja noch die Enkel da, meint Ibrahim. Phylis, die zweite Tochter, hat ein Kind, ist Wirtschaftsingenieurin und arbeitet als Programmiererin. Beide Töchter sind mit einem Deutschen verheiratet. Ibrahim bedauert es, dass er früher keine Zeit hatte seinen Töchtern Türkisch beizubringen. Aber sie lernen von sich aus in Abendschulen Türkisch. So wie es seine Frau schon getan hatte. Und Maria lernt es auch noch im Betrieb von den Angestellten. Ibrahim hat jetzt eine neue Lebensgefährtin, engagiert sich in verschiedenen Vereinen und übernimmt dort Aufgaben. Besonders wichtig ist ihm die Verbindung zu seinen Landsleuten.


Alle zwei bis drei Jahre besucht Ibrahim sein Heimatdorf in Anatolien. Er liebt das Leben dort, trotz der einfachen Verhältnisse. Immerhin gibt es inzwischen Wasser und Strom. Von den ehemals 40 Familien leben nur noch vier Familien dort. Das Haus des Großvaters ist in sich zusammengefallen. Die Jungen sind in die Städte gezogen. Aber sie kommen zu Besuch und bringen viele Geschenke mit. Ibrahim schwärmt von der Butter und dem Käse, die dort hergestellt werden, und davon, wie gern er dem Schäfer bei seiner Arbeit zuschaut. Bei der nächsten Reise will er seinen zehnjährigen Enkelsohn mitnehmen. Oft denkt er an seine Mutter. Sie war Analphabetin und wusste nicht sein Geburtsdatum, aber sie konnte es genau beschreiben: „Du bist in dem Winter geboren, an dem es den meisten Schnee gegeben hat.“